Sonntag, 22. November 2015

Wer hat hier was zu sagen? Von rampenlosen Bühnen und beinlosen Lokführern

Liebe Leserinnen und Leser, es gibt im Moment vieles, über das ich schreiben könnte - 2 Anekdoten habe ich ausgewählt:

1) In dieser Woche war ich zu einer Veranstaltung eingeladen, bei der es um Inklusion und Partizipation und gute Schule ging. Thematisch gut vorbereitet - von Kinderrechten über Partizipationsprojekte bis zu Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte.

So weit, so gut.

Veranstaltungsort: der Festsaal in einer großen Einrichtung der Behindertenhilfe am Rande der Stadt.

Gleich beim Ankommen sehe ich eine Rampe aufs Podium - ca. 35% Steigung. Außer mir war auch noch eine Lehrerin eingeladen, die Rollstuhlfahrerin ist. Von ihr erfuhr ich, dass die Rampe erst während der Veranstaltung angebracht wurde, nachdem sie darauf bestand.
Wer hat hier was zu sagen?
Nach der Veranstaltung wurde die Rampe übrigens wieder entfernt.

Der Festsaal in einer Einrichtung der Behindertenhilfe hat keine Rampe auf die Bühne - mir fallen dazu viele Fragen ein: Wer feiert sich hier? Und wer hat hier was zu sagen?







2) Im Büro bekam ich vor kurzem einen Anruf aus einem Integrationsfachdienst.

"Kennen Sie behinderte Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt?"
 (Das meint er doch jetzt nicht ernst?!)
"... Ja, kenne ich."
"Aber derjenige muss eine sichtbare Behinderung haben?"
(Seit wann ist das denn ein Einstellungskriterium?)
"Das kann ich auch bieten."
"Ja, an Sie dachte ich auch schon!"
"Eine Journalistin rief mich an für eine Reportage zum 3. Dezember. Am besten ist es, wenn Sie mal selber mit ihr sprechen."

Das habe ich dann auch getan.

"Ich suche einen Menschen mit Behinderung mit einem ungewöhnlichen Beruf - z. B. einen Arzt im Rollstuhl."
"In Halle arbeitet ein Chirurg im Rollstuhl."
"Es muss schnell gehen. Am besten hier in Berlin."
"Hier kenne ich keinen Arzt im Rollstuhl. Aber ich hab auch einen interessanten Beruf - ich halte Vorträge, bereite Veranstaltungen vor, arbeite mit Schülern, Studierenden und Lehrkräften."




"Aber Sie arbeiten bei einem Wohlfahrtsverband. Dort arbeiten doch bestimmt viele behinderte Menschen?!"
"Naja, die Zahl ist eher überschaubar. Kleiner als zwei. Ich bin dort die erste Referentin mit Behinderung seit 65 Jahren."
"Das ist ja interessant. Da hat Ihr Arbeitgeber sicherlich viel für Sie umgebaut und das hat bestimmt viel gekostet."
"Das hielt sich in Grenzen."
"Aber ich suche jemanden, der viel unterwegs ist."
"Das bin ich."
"Ich muss Sie das fragen: Wie alt sind Sie?"
Jetzt reichte es mir mit den Klischees und Vorurteilen.
"Für wen recherchieren Sie eigentlich für diese Reportage?"

(Ich sah mich mittlerweile schon bei "Vera am Mittag" auf der Couch.)

"Für die Aktion Mensch. Die bringt im Dezember das Inklusionsbarometer zum Thema Arbeit heraus. Und die sucht eben jemanden, der was Ungewöhnliches macht, auch in der Freizeit." (Ich gehe in Museen und Ausstellungen und vielleicht auch mal Sushi essen.)

"Und an wen denkt der Auftraggeber da?"

"Z. B. an einen Lokführer ohne Beine."

(Ich habe dann nicht mehr erwähnt, dass ich für bestimmte Berufe die Funktionsfähigkeit aller vier Gliedmaßen für nicht unwesentlich halte.)

Und auch hier stelle ich mir abschließend Fragen: Bis zum Jahr 2000 waren für Aktion Mensch behinderte Menschen "Sorgenkinder". Jetzt sollen es Supermänner und -frauen sein, Lokführer ohne Beine, die in der Freizeit Bungee Jumping machen.

Von einem respektvollen Umgang mit behinderten Menschen auf Augenhöhe, von einem Umgang, bei der die Persönlichkeit im Vordergrund steht, sind wir noch weit entfernt.