Donnerstag, 29. Mai 2014

Übers Wiedersehen und Heimkommen

Liebe Leserinnen und Leser,

im Moment gäbe es eine ganze Menge zu berichten, weil es beruflich und ehrenamtlich ganz gut läuft:


  • Ich sitze zum Beispiel in der Beratung aller Ausschüsse der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg zur Zukunft der Behindertenpolitik im Bezirk und dann spricht mich ein junger Mann an: "Meine Mutter ist die Sabine Weigelt. Ich soll Sie schön grüßen!" Ich hatte mich während der Debatte um dieses Papier zu Wort gemeldet zu einigen der vielen Ungereimtheiten, die entstehen, wenn Statistiker und Praktikanten Daten über die "Behindertenpolitik" des Bezirks erheben:
  • Nur ein Beispiel: Zur Erhebung der Daten wurde ein langer und komplizierter schriftlicher Fragebogen entwickelt, mehr nicht. D. h. ich schließe Menschen mit Lernschwierigkeiten, Menschen, deren Muttersprache die Deutsche Gebärdensprache oder auch eine andere Sprache ist und auch blinde Menschen aus. Der Fragebogen wurde nach anfänglicher Kritik etwas vereinfacht, mehr als die Schwarzschrift-Version in deutscher Sprache wurde dennoch nicht angeboten. Das mindert die Aussagekraft der Befragung erheblich. 
  • Zurück zu dem jungen Mann: Seine Mutter ist die Geschäftsführerin des Jenaer Zentrums für selbstbestimmtes Leben, wir haben im letzten Jahrzehnt gemeinsam daran gearbeitet, die Automatismen im Übergang Schule - Berufsausbildung für Schulabgänger und -abgängerinnen mit Behinderung aufzubrechen. Während meines Wortbeitrags, indem es viel um gleichberechtigte Teilhabe ging, fragte er seine Mutter per Mail, ob sie eine Ulrike Pohl (mehr als meinen Namen hatte er ja nicht) kennen würde, und seine Mutter muss geantwortet haben: "Klar, kenne ich die. Grüß sie mal schön!" So klein ist die Welt...
  • Ich habe vor Studierenden meiner ehemaligen Hochschule einen Gastvortrag über sozialraumorientierte Inklusion gehalten. Und das war ein bisschen wie heimkommen: in den 90ern habe ich dort studiert und da war an Barrierefreiheit noch gar nicht zu denken. 4 Professoren hatten zu meinem Gastvortrag Interesse angemeldet, es scheint also ein wirklich aktuelles Thema zu sein und jetzt ist ein Lehrauftrag im Gespräch...Darüber würde ich mich sehr freuen!
Mit diesen guten Nachrichten übers Wiedersehen und Heimkommen grüße ich herzlich und wünsche ein gutes Wochenende!

Dienstag, 6. Mai 2014

Von WM-Eröffnungen, die falsche Signale setzen

Animation, Gehen mit Exoskelett
Dazu muss ich mich jetzt doch mal äußern:

Die Fußball-WM, die im Juni beginnt, soll ein gelähmter Jugendlicher eröffnen, der mittels Technik nun laufen kann und so den ersten Ball des Turniers anstoßen wird, berichtete gestern der Spiegel.

Mich ärgert 1. diese Vereinfachung in der Berichterstattung: behindert = gelähmt. Es gibt auch andere Behinderungen, die eine Rollstuhlnutzung erforderlich machen.

Mich ärgert es auch, weil keine Lähmung wie die andere ist - angeboren, durch Unfall erworben, schon länger zurückliegend, frisch verunfallt, durch Tumore, durch Druck, komplett, inkomplett, es macht einen Unterschied, welche Organe wie lange davon schon betroffen sind, ob die Lähmung spastisch, schlaff usw. ist.

D.h. wenn es dieses Forschungsprojekt (derlei Projekte gibt es seit mindestens 35 Jahren) zu einem Ergebnis bringen sollte, dann müsste detailliert beschrieben werden, für genau welche Form von Rückenmarksverletzung diese Erfindung passen könnte. Dafür ist ein Fußballstadion die falsche Kulisse.

Und dass diese Meldung ausgerechnet am 5. Mai veröffentlicht wird, finde ich kontraproduktiv. Denn, selbst, wenn es keine Querschnittgelähmten mehr geben sollte, werden wir alle älter und sind dann auf eine barrierefreie Umgebung angewiesen.

Für die waren gestern Tausende überall in Deutschland auf der Straße.