Sonntag, 30. März 2014

Kuchen statt Krümel und Menschenrecht statt ein Stück mehr Menschlichkeit


Heute weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Das Ereignis, an dem in dieser Woche niemand vorbei kam, der in der Inklusionspolitik unterwegs ist, war der 5. Jahrestag des Inkrafttretens des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, wie die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in der deutschen Übersetzung heißt.

Auf der Website des Bundesregierung wird dieses Ereignis auch mit folgenden Worten begangen: "Für alle Bereiche gilt: die Betroffenen sprechen mit."

Wirklich?

Schon bei der Übersetzung der Konvention galt dieser Satz nicht, denn zu der wurden die Verbände und Selbstvertretungen behinderter Menschen kaum einbezogen. Deshalb hat das Netzwerk Artikel 3 - Sie wissen schon, Grundgesetz Artikel 3 - eine Schattenübersetzung vorgelegt, die es bis heute nicht in den offiziellen Text geschafft hat.

Die Veranstaltung zum 5. Jahrestag der UN-BRK war eine geschlossene Veranstaltung. An einem Montag.

Sollte nicht eine Konvention, die Teilhabe als grundlegendes Menschenrecht ansieht, auch unter Beteiligung möglichst vieler diskutiert werden?

Nebenbei: Die Präsentation der Sprecherin der BRK-Allianz, einem Zusammenschluss von 80 Nicht-Regierungs-Organisationen zur Umsetzung und zur Bilanz der 5 Jahre UN-BRK in Deutschland, ist dennoch lesenswert.

Fehlende Beteiligung von Anfang an - das ist für mich ein Schlüssel für viele Dinge, die in der Inklusion schlecht laufen.

Bsp. Hamburg: Da wird ein Theaterstück aufgeführt "Ziemlich beste Freunde", ein Stück über einen Rollstuhlfahrer und seinen Assistenten und die Aufführung findet in einem Theater statt, das nicht rollstuhlgerecht ist. Christiane Link hat dazu einen lesenswerten Post geschrieben.

Bsp. Bayern: Da veröffentlicht die Bioethik-Kommission der Bayrischen Staatsregierung ein Positionspapier "Leben mit Behinderungen: Inklusion als Auftrag". Das dazugehörige Pressefoto sieht so aus. Fällt Ihnen was auf?

Bsp. Berlin: Als Berlin 2012 den European Access City Award für seine Barrierefreiheit gewann (und in Berlin derweil das geschah), sah das übrigens so aus. Fällt Ihnen auch hier was auf?

Und die dazugehörige Pressemitteillung titelt: "Berlin gewinnt Preis für ein Stück mehr Menschlichkeit in Berlin".

Und da bin ich bei meinem nächsten Punkt: Die Behindertenrechtskonvention ist kein Akt der Menschlichkeit, sondern ein Menschenrechtsdokument.


Es geht um einklagbare Rechte, um Rechtsschutz, um Gleichberechtigung und da hat Deutschland noch eine Menge zu tun, um das umzusetzen.

Um im Bild des Geburtstagskuchens zu bleiben:

Es geht um ein Stück vom Kuchen am großen Geburtstagstisch mit allen anderen zusammen.

Nicht um die Krümel am Katzentisch.




Montag, 24. März 2014

"Da fahrn nur ungarische Züge." Ist Barrierefreiheit europäisch?

Kürzlich besuchte ich eine Tagung zur Armutsprävention, in der es unter anderem auch darum ging, was dieses gesamtgesellschaftliche Thema mit Barrierefreiheit zu tun hat.

Blindenleitstreifen im Reisezentrum
Auf dem Heimweg noch schnell am Hauptbahnhof vorbei, um Tickets für die Bahnfahrt zu besorgen.

Im Reisezentrum des Berliner Hauptbahnhofs gibt es (jetzt) einen Blindenleitstreifen, der zu einem höhenverstellbaren Thresen führt. So weit so gut.

Dann folgende Konversation:

"Ich würde gern morgen von Berlin nach Dresden fahren."

"Das könnte Probleme geben."

Ich wollte doch nicht nach Grönland oder zum Amazonas und nicht mal aufs Land...sondern von einer deutschen Großstadt in die nächste?!

"Das können Sie nicht auf direktem Wege."

"Ich verstehe nicht?!"

"Auf der Strecke fahren ungarische und tschechische Züge."

Ich verstand noch immer Bahnhof.

"In denen kann kein Rollstuhlfahrer mitfahren, die Züge sind nicht so konzipiert."

In der Europäischen Strategie zugunsten von Menschen mit Behinderungen 2010-2020 wird "Zugänglichkeit" (ich würde ja Barrierefreiheit sagen) als erster Aktionsbereich genannt.

Wie kann es sein, dass Deutschland Züge aus Tschechien und Ungarn einsetzt, die diesem Maßstab nicht gerecht werden? Wann gibt es einheitliche Vorgaben zur Barrierefreiheit, die europaweit gelten?

Mit diesen europäischen Fragen wünsche ich eine gute Woche!

P.S. Ich bin dann mit 1x Umsteigen über Leipzig nach Dresden gefahren. Erst ne Panne, dann eine superkurze Umsteigephase am Leipziger Hauptbahnhof (Kopfbahnhof!) und dann war da noch ein Spiel von Dynamo Dresden gegen Greuther Fürth. Was für eine Bahnfahrt!

Dienstag, 11. März 2014

Fit für Inklusion in 1 Tag - kann man in einem Tag Umdenken lernen?

Vor ein paar Tagen habe ich per Facebook auf eine Nachricht hingewiesen - diese.

Darin geht es darum, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Behindertenhilfe in Baden-Württemberg für Inklusion geschult werden sollen. So weit, so gut.

Wie Sie, liebe Leserinnen und Leser, sicherlich mitbekommen haben, beschäftigte ich mich seit Januar nun auch beruflich mit Inklusion und zwar mit inklusiver Stadtteilarbeit. Ich lese also täglich von inklusiven Diskos, Trommelworkshops, Selbstverteidigungskursen, Fachtagen zur Inklusion und manchmal sogar von inklusiven Wochen.

Eigentlich könnte man denken: überall findet Inklusion statt, oder?! Ja, das sind alles wichtige Veranstaltungen. Aber: Wieviel tragen sie wirklich zur gleichberechtigten Teilhabe bei? Zum Umdenken? Zu neuen Strukturen? Gegen Diskriminierung? Zur Teilhabe auf Augenhöhe von Anfang an?

Im oben erwähnten Artikel wird die Weiterbildung für Heilerziehungspfleger zum Thema "Inklusion" durchgeführt von der Liga der freien Wohlfahrtspflege Baden-Württemberg. Zur Liga der freien Wohlfahrtspflege gehören so große Träger wie Caritas, Diakonie oder DRK. Sie betreuen nach eigenen Angaben 55.000 alte Menschen in Altenwohn- und -pflegeheimen und 11.000 Menschen in Behinderteneinrichtungen. Bezeichnenderweise spricht dabei die Liga nicht von Menschen, sondern von "Plätzen", die bereit gehalten werden.

"Nichts über uns ohne uns" - so steht es auch im Koalitionsvertrag. Und wie ist es hier mit der Einbeziehung von Anfang an? Wurden z. B. die Mitarbeiter des Zentrums selbstbestimmt leben Stuttgart in die Fortbildungsvorbereitung einbezogen?

Die Fortbildung ist wahlweise ein- oder mehrtägig, war der Pressemitteilung zu entnehmen. In einem Tag kompetent in Inklusion? Ich hab da so meine Zweifel.

Und was lernen die Heilerziehungspfleger und Heilerziehungspflegerinnen, die ja hier hauptsächlich geschult werden sollen, in ihrer regulären Ausbildung? Im aktuellen Faltblatt der Fachschule für Sozialwesen steht jedenfalls nichts von Selbstbestimmung, Menschenrechten, Teilhabe oder Inklusion.

Das wäre für mich eine echte Strukturveränderung, ein echter Paradigmenwechsel: die Anpassung der Berufsausbildungen und Studiengänge für alle, die mit und für behinderte Menschen arbeiten unter Einbeziehung derer, die sich schon jahrelang für Selbstbestimmung und die Umsetzung der Menschenrechte für behinderte Menschen engagieren.

So bleibt es das, was es ist - ein Fortbildungstag mit einem Schein zum Mitnehmen.

Schade.

Ich werde jetzt beim Veranstalter des Fachtags für Inklusion hier in Berlin anrufen. Auf der Einladung fehlten konkrete Angaben zur Barrierefreiheit.