Freitag, 30. August 2013

Bunte Kamele und Sozialsenatorinnen in spe


Unser Stand mit unserem Direktkandidaten Fabricio do Canto aus Pankow

Manchmal gibt es Tage, da wünschte ich, der 22. September wäre schon vorbei und dann gibt es Tage, die machen richtig Spaß und geben Kraft und so ein Tag war gestern.

Das Blaue Kamel, ein Bündnis verschiedener Träger der Behindertenhilfe, hatte zu einer Wahl-Informations-Veranstaltung eingeladen und alle  im Bundestag vertretenen Parteien und wir sind der Einladung gefolgt.

Vor der Podiumsdiskussion
So hatte ich gestern Gelegenheit, mit gleich 3 Mitgleidern des Deutschen Bundestags - Frau Künast, Frau Dr. Högl, Herrn Dr. Gysi - und 2 Vertretern der CDU und FDP - Herrn Zimmermann und Herrn Bade - über die Teilhabe behinderter Menschen in unserem Land zu diskutieren. Das Kesselhaus in der Kulturbrauerei war gut gefüllt und 23 vorbereitete Fragen gaben den Rahmen für eine lebhafte Diskussion über Arbeit, Mindestlohn, Teilhabegesetz, politische Teilhabe, Freizeit, Bürokratie, soziale Barrieren.

Während der Diskussion lief das Applausometer mit und maß den Beifall. Das Rennen machte Herr Gysi, der mir gestand: "Ihr Plakat: Was häng ich hier? Ihr geht ja eh nicht wählen! find ich am besten." SPD, Grüne und Piraten waren am Ende fast gleich auf - Platz 2.

Applausometer


Am Ende der Diskussion und des Tages am Infostand ziehe ich folgende Bilanz: es gab unheimlich viel positive Resonanz und Angebote zur Zusammenarbeit. Über diese habe ich mich ganz besonders gefreut:

  • "Ich hab Respekt vor ihrem Einsatz und find das, was Sie gesagt haben, authentisch." 
  • Daumen hoch, gebärdete ein gehörloser Mann (hatte ich schon erwähnt, dass die Veranstaltung auch übersetzt wurde?)
  • "Ich konnte mit den Piraten ja bis jetzt nicht viel anfangen, aber Sie sind ne echte Sympathieträgerin."
  • Der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, Dr. Jürgen Schneider, klopfte mir mit einem "Gut gemacht!" auf die Schulter und fügte noch hinzu: "Manche Bundestagsabgeordneten kommen wieder ins Land zurück, vielleicht als Sozialsenatorin:" ;) und dann bekam ich noch diesen Tweet vom Vertreter der CDU:
Mir hat dieser Tag zusammen mit Cornelia, Lena und Andreas (Nr. 1, 3 und 5 der Landesliste) viel Spaß gemacht, Kraft gegeben und ich komme gern auf alle, die sich austauschen, zusammenarbeiten  und voneinander lernen wollen, zu!

Freitag, 23. August 2013

Mut und Klugheit

Liebe Leserinnen und Leser,

ich habe mich in den letzten Tagen mit vielen Menschen getroffen, die sich mit Inklusion, also dem Einbeziehen und Mitentscheiden von unterschiedlichen Personengruppen, befassen und möchte deshalb einige Erkenntnisse mit Ihnen teilen:

  • Wir brauchen mehr Diskurs über Ausgrenzungen und Vorurteile und darüber mehr Bewusstsein. 
  • Wir brauchen mehr Öffentlichkeit über gute Beispiele von Inklusion und darüber, wie sie sich entwickelt haben.
  • Wir brauchen mutige Prioritäten und gesetzliche Vorgaben in Richtung Inklusion.
  • Wir brauchen mehr Austausch und Klugheit unter den Aktiven innerhalb der Inklusion.
  • Wir brauchen mehr Vernetzung der unterschiedlichen Interessen- und Bevölkerungsgruppen.
  • Wir brauchen mehr Mut, klare Haltung und demokratische Kontrolle darüber, dass Gesetze und Verordnungen zum Diskriminierungsschutz und zur Barrierefreiheit auch umgesetzt werden.
Mut und Klugheit sind für mich wichtige Faktoren, damit Inklusion gelingen kann.

Mut und Klugheit.

Erich Kästner hat dazu mal augenzwinkernd gesagt: "Erst wenn die Mutigen klug und die Klugen mutig geworden sind, wird das zu spüren sein, was irrtümlicherweise schon oft festgestellt wurde: ein Fortschritt der Menschheit." ;)

Mittwoch, 14. August 2013

Zahnarztstühle und Wahllokale - ein bisschen mehr barrierefrei

Liebe Leserinnen und Leser,

heute gebe ich zwei Informationen weiter:

1. Berlin hat seit ein paar Wochen ein stationäres zahnärztliches Behandlungszentrum für mehrfachbehinderte Menschen. D. h. Menschen können für bestimmte Zahnarztbehandlungen nun auch z. B. unter Narkose gesetzt werden und in der Klinik eine Zeit lang bleiben.

Hat damit schon jemand Erfahrungen gemacht? Wie anpassbar sind dort die Behandlungsmöbel? Die Zahnarztstühle sind ja immer so eine  Sache...

(Und ich übersehe einfach mal, dass Herr Czaja, unser Gesundheitssenator, in seiner Danksagung die behinderten Menschen vergessen hat, die sich schon lange für ein barrierefreies Gesundheitswesen einsetzen.)

2. Zum ersten Mal stehen auf der Wahlbenachrichtigung, die in dieser Woche in der Post war, Hinweise zur Barrierefreiheit, die aber noch nicht ganz hilfreich sind:

 Ich werde versuchen, das Tor in der Nebenstraße zu finden bzw. die Servicenummer anrufen. Ich berichte weiter.

Samstag, 10. August 2013

Offene Augen und Ohren für Öffentlichkeit - Warum Schlüssel auch Barrieren sind

Mein heutiger Gedanke zum Wochenende: Wie barrierefrei ist barrierefrei?

Kürzlich war ich in einem Nachbarschaftshaus mit einem Außenfahrstuhl, so weit, so gut.

Um an den Fahrstuhl zu gelangen, brauchte man einen Schlüssel, um eine schwere Metalltür zu öffnen. Und einen zweiten Schlüssel, um den Fahrstuhl in Gang zu setzen.

Beide Schlüssel waren nur über das Büro, das über Treppen zu erreichen ist zu bekommen.

Ist das barrierefrei?

Gestern war ich in einem Rathaus, in dem eines der Fraktionsbüros nur über drei Stufen zu erreichen ist. Offiziell ist das Haus barrierefrei, denn es hat ja einen Fahrstuhl, von behinderten Menschen in einer spektakulären Kran-Aktion erstritten.

Ist das barrierefrei?

Oft höre ich: "Na, öffentliche Gebäude, die müssen doch barrierefrei sein?!"

Doch ich kenne Rathäuser ohne Toiletten, verschlüsselte Fahrstühle, Polizeidienststellen mit Treppen, Rathäuser mit Labyrinthen und Pförtner und Bürgerdienste, die nur unzureichend Auskunft geben können.

Halten wir also die Augen offen für wirkliche Barrierefreiheit von öffentlichen Gebäuden.

P.S. Die Sache mit der unzureichenden Auskunft müsste doch am schnellsten gelöst werden können? - Mit mehr Schulung für offene Augen und Ohren in öffentlichen Gebäuden.

Mittwoch, 7. August 2013

"Nichts über uns ohne uns!"



Ich habe der Deutschen Welle zu diesem Beitrag eine E-Mail geschrieben:

Sehr geehrter Herr Pfeifer,

zu ihrem Beitrag vom 2. August 2013 möchte ich Ihnen folgende Rückmeldung geben:

Die Piratenpartei Deutschland ist die erste gesamtdeutsche Partei und sie ist eine Partei, die Vielfalt, Mitbestimmung und Inklusion lebt - mit allen Höhen und Tiefen, mit allen Herausforderungen. Unsere Berliner Spitzenkandidatin, Cornelia Otto, wollte genau das vermitteln, als sie mich bat, an dem Dreh teilzunehmen.

In Ihrem Beitrag wird dieser Aspekt leider nicht deutlich. Sie erwähnen "Mitbestimmung" und "Behindertenrechte" einmal, mehr nicht. Weder mein Interviewbeitrag noch mein Name werden genannt und das wiederum erinnert mich an eine alte Forderung der emanzipatorischen Behindertenbewegung: "Nichts über uns, ohne uns!".

Beim Sehen Ihres Beitrags entsteht der Eindruck:

Behinderte dürfen bei den PIRATEN dabei sein, haben aber nichts zu sagen. Und es klingt, als wären "Behindertenrechte" besondere Rechte.

Diesen Eindruck würde ich gern korrigieren, indem ich Ihnen anbiete, ein Interview über die wirkliche Bandbreite von Bürgerrechten, Barrierefreiheit und Inklusion, mit der sich PIRATEN auseinandersetzen, zu geben.

Vielleicht darf ich Sie deshalb auch zum ersten Inklusions-Plenum der PIRATEN in Dresden einladen? Alle Informationen dazu finden Sie hier.

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung!

Freundliche Grüße,

Ulrike Pohl

Inklusionsbeauftragte der Piratenpartei Deutschland

Taxi-Interview


Ich bin "Taxi" gefahren und habe dabei ein Interview gegeben:

Dienstag, 6. August 2013

Barrieren im Kopf

Beim Landesfrauenrat ergab sich gestern folgende Begebenheit:

Eine ältere Dame erklärte mir 30 Minuten lang, dass man "doch nun wirklich nicht alle Behinderten integrieren" könne. Manche seien wirklich eine Zumutung für die Gesellschaft. Und sie wisse das genau, weil ihr Bruder mal ein Behindertenheim geleitet hat. "Bei Körperbehinderten ist das ja unstrittig und der Staat tut das ja auch schon, aber manche Menschen müssen eben geschützt werden."
Nach einem Blick zu mir fügte sie hinzu: "Sie meine ich damit natürlich nicht, Sie würde ich nicht mal behindert nennen. - Aber jemand, der nicht mal bis drei zählen kann - da funktioniert Inklusion nicht."

Fazit: Es bleibt noch viel zu tun. Um Barrieren in den Köpfen abzubauen.

Donnerstag, 1. August 2013

Der Teilhabebericht in Kürze

Behinderung und Beeinträchtigung
Der Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lebenslagen von Menschen mit Beeinträchtigungen ist jetzt öffentlich nachzulesen.

Und: es gibt tatsächlich keine Begründung, warum sich dessen Veröffentlichung so verzögert hat.

Neu ist, dass Behinderung als Einschränkung der Teilhabe und Aktivitäten definiert wird und nicht mehr als Funktionsstörung.

Der Teilhabebericht enthält interessante Zahlen und Fakten, die aber - wegen der späten Erstellung - nicht mehr in dieser Legislaturperiode in die Politik einfließen können. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...

5 ausgewählte Punkte:
Das wichtige Kreuz
  • Politische Teilhabe:

    "Wird die regelmäßige oder zumindest sporadische Beteiligung in Bürgerinitiativen, in Parteien
    oder in der Kommunalpolitik betrachtet, so zeigen sich nur marginale Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne eine anerkannte Behinderung. Statistische aussagekräftige Unterschiede zeigen sich lediglich bei Erwachsenen in der Altersklasse zwischen 30 und 49 Jahren. In diesem Alter sind Menschen mit einer anerkannten Behinderung sogar häufiger politisch aktiv als Gleichaltrige ohne anerkannte Behinderung."
  • Arbeitsmarkt und Werkstatt für behinderte Menschen: 

    "Zwischen den Jahren 2007 und 2010 ist die Anzahl der Beschäftigten sowohl in den Arbeitsbereichen der WfbM‬ als auch in den Integrationsprojekten‬ angestiegen. Sie lag zuletzt bei rund 253.000 Werkstattbeschäftigten und rund 7.600 schwerbehinderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Integrationsprojekten. Eine Aussage zur Zugänglichkeit des allgemeinen Arbeitsmarkts für Menschen mit Beeinträchtigungen lässt sich hieraus allerdings nicht ableiten, da nicht bekannt ist, wie sich die Beschäftigung von Menschen mit Beeinträchtigungen im Arbeitsbereich der WfbM und in Integrationsprojekten im Verhältnis zu ihrer Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt entwickelt hat."
Hörsaal
  •  Arbeitsmarkt und Hochqualifizierte:
    "Selbst wenn Menschen mit Beeinträchtigungen das gleiche berufliche Qualifikationsniveau haben, arbeiten sie im Durchschnitt auf schlechter bezahlten‬ Arbeitsplätzen‬ als Menschen ohne Beeinträchtigungen. Das gilt besonders bei (Fach-)Hochschulabsolventinnen‬ und -absolventen. Der durchschnittliche Bruttostundenlohn von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen unterscheidet sich hier um ca. 2,40 Euro. Das hängt auch damit zusammen, dass Menschen mit Beeinträchtigungen häufiger einen Beruf ausüben, der nicht ihrem Qualifikationsniveau‬ entspricht. Weniger stark ausgeprägt sind die Unterschiede bei den Bruttolöhnen von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen, deren höchster Abschluss ein beruflicher Abschluss ist."
  • Familien mit behinderten Angehörigen (Kommentar des Wissenschaftlichen Beirats):

    "Familien‬ mit beeinträchtigten Angehörigen müssen distanzierende Haltungen, auch in ihrem engeren Umfeld, bewältigen und zugleich ihren Angehörigen anerkennen und wertschätzen; sie sorgen für Ausgleich zwischen den Interessen der einzelnen Mitglieder, informieren sich über Hilfen, sehen sich einem komplizierten System von unterschiedlichen Trägerschaften und Zuständigkeiten gegenüber, wenn sie Hilfen beantragen und stellen für das professionelle System ständig Anschluss-Leistungen her, z. B. durch die Mitwirkung bei Therapien oder die Anpassung ihrer Alltagsroutinen an die Öffnungszeiten von Einrichtungen. Sie sind „Mit-Produzenten“ der professionellen Leistungsfähigkeit.

    Umgekehrt müsste das professionelle System sich darauf richten, die Leistungsfähigkeit der Familien zu stützen und zu fördern und ihre Kompe-tenzen anzuerkennen. Befragungsergebnisse belegen, dass die Hauptbetreuungspersonen nach wie vor die Mütter sind und – im Vergleich mit Familien ohne Kinder mit Beeinträchtigungen – eine deutlich geringere mütterliche Erwerbstätigkeit besteht."
Maße für behindertengerechtes WC
  • Der Anteil der Arztpraxen mit barrierefreien Toiletten liegt übrigens zwischen 1 und 7%, auch das war nachzulesen.

Fazit: interessante Erkenntnisse, auf die aber im Moment die Politik nicht eingehen kann oder...
 Einen erkenntnisreichen Tag wünsche ich!