Sonntag, 30. Juni 2013

Daheim statt Heim

In dieser Woche wurde die Studie "Wohnen der Altersgruppe 65plus" des Pestel-Instituts vorgestellt.

3 Ergebnisse:

* Nur 5% aller Haushalte dieser Altersgruppe sind barrierearm.

* Deutschland braucht in den nächsten 15 Jahren 2,5 Millionen barrierearme Wohnungen.

* Der durchschnittliche Kostenansatz für einen barrierearmen Umbau beträgt 15.600€ pro Wohnung.

In der Studie heißt es: "Die Mehrkosten der stationären gegenüber der ambulanten Pflege können mit mindestens 7.200,-- € pro Jahr veranschlagt werden. Damit wird eine barrierearme Wohnung gesellschaftlich „wirtschaftlich“, wenn sie den Wechsel von der ambulanten in die stationäre Pflege nur um gut zwei Jahre verschiebt."


Unfallquellen in der Wohnung
Ich denke, das rechnet sich viel schneller. Beispiel: Wenn man von einem monatlichen Pflegegeld von 700€ (Stufe III) bei häuslicher Pflege und selbstbeschafften Pflegepersonen ausgeht und einen Pflegeheimplatz mit monatlichen Kosten von ca 3.200€ gegenüberstellt, dann rechnet sich barrierefreier Wohnraum schon nach ca. 6 Monaten.

Wenn man dann noch die verringerte Unfallquote aufgrund der Barrierefreiheit einbezieht, senken sich auch noch die Gesundheitskosten.

In diesem Sinne: Rechnen Sie mal nach! 

Einen guten Sonntag wünsche ich!


Die Studie sieht übrigens folgende Lösungen für den Umgang mit der demografischen Entwicklung:


* Zuschussprogramme für mehr barrierearme Wohnungen und Umbauten (Fördermittel von 540 Millionen pro Jahr in den nächsten 8 Jahren)

* Änderung der Abschreibungsmodalitäten für Umbauten und Wohnraum

* Förderung gemeinschaftlichen Wohnraums

* kommunale Wohnberatung

* Organisation von Umbauten und Umzügen vor Ort

Zum Nachlesen: 

http://www.igbau.de/Binaries/Binary21521/AKI_20_2013_Studie-65plus.pdf
http://www.pflegekostet.de/blog/2012/01/19/pflegekosten/

Samstag, 29. Juni 2013

"Experten"

Ich reg mich schon wieder auf, liebe Leserinnen und Leser...

Grund dafür ist diese Expertise, herausgegeben von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes:

145 Seiten Expertise zum Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung - Anzahl der Interviews mit behinderten Menschen auf Arbeitssuche 7, mit Erwerbstätigen 5, in WfbM 2 

Interviews mit beschäftigungspflichtigen klein- und mittelständischen Unternehmen, die die Beschäftigungsquote nicht erfüllen: 2

Interviews mit "Experten": 9

Da werden wiedermal die Falschen gefragt. 

Wir müssen den Betrieben zuhören, sie unterstützen, beraten und fördern, individuell angepasste Arbeitsplätze zu schaffen. Entsprechend den Bedürfnissen und Möglichkeiten der behinderten Menschen. Zum Nutzen aller. 

Die beiden - Menschen mit Behinderung und Unternehmen - aktiv zu verbinden, das ist die Aufgabe der "Experten." Stellen aus Jobbörsen raussuchen kann ich selber.

Wie seht ihr / sehen Sie das?

P.S. Wieviel hat die Expertise gekostet?

Freitag, 28. Juni 2013

Büchernot

In Marrakesh gab es gestern eine globale Einigung zum #Urheberrecht, die für blinde Menschen wichtig ist:

Befürworter und Ablehner in der Diskussion
Die Mitgliedsstaaten der World Intellectual Property Organisation haben sich darauf geeinigt, künftig Ausnahmen im Urheberrecht für blinde Menschen zuzulassen. Damit endet ein langer Streit um das Urheberrecht, das in seiner jetzigen Fassung kaum Änderungen der Form von Büchern und Werken, z. B. in Braille-Schrift zulässt. Vor allem aber können jetzt Werke für Blinde über Grenzen hinweg vertrieben werden. Die EU-Kommission war in den Verhandlungen ein Verfechter des alten Urheberrechts, wie die Grafik zeigt.

Der Vizepräsident der World Blind Union, Pescod, sagte: "Es wäre dumm zu glauben, dass der Vertrag allein die #Büchernot für #Blinde behebt. Aber es ist ein großer Schritt auf dem Weg dahin."

http://www.heise.de/newsticker/meldung/Urheberrecht-Globale-Ausnahmen-fuer-Blinde-1897879.html


Kinder an die Macht!

Die LandesschülerInnenvertretung Rheinland-Pfalz hat einen Beschluss zur Inklusion gefasst. Und spricht darüber, was Schüler*innen mit Handicap aus der Inklusion lernen können. (Übrigens nicht nur die...)

Auch das Motto des Beschlusses finde ich sehr treffend: "Inklusive Schulen sind Voraussetzung für eine gesunde Gesellschaft, ohne
 Parallelgesellschaften"

Fazit: Respekt, LandesschülerInnenvertretung, für eure Beurteilung von Gesellschaft!

Den gesamten Artikel lesen Sie hier: http://www.kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/27082/LandesschülerInnenvertretung-für-schulische-Inklusion.htm

Donnerstag, 27. Juni 2013

Die Fachverbände - das sind wir!

Dieser Morgen beginnt mit einem Danke für die vielen positiven Rückmeldungen und Ideen zu meiner Bundestagskandidatur und zu dem was ich dafür tue bzw. dann tun werde. Vielen Dank! Ich weiß, wir sind viele, die an und für mehr und echte Inklusion arbeiten.
"Es ist immer wieder schön, Menschen kennenzulernen die sich trotz ihrer eigenen Behinderung auch für andere Menschen mit Behinderung einsetzen. Ich selbst hab auch eine Behinderung und setze mich schon seit Jahren für die Belange von Menschen mit Behinderung ein ehrenamtlich und privat. Den Artikel neulich mit dir und über dich, den du gepostet hast in der Gruppe fand ich so toll, da musste ich dir einfach eine Anfrage schicken."
Dieser Artikel war gemeint.

"Ich arbeite bei einem kleinen Verein in Sachsen-Anhalt, der sich vor allem mit Inklusionsthemen beschäftigt. Ich erarbeite gerade ein Konzept um Menschen mit Behinderung im Bereich "Arbeit" zu unterstützen. Habe auf ihrem Blog ein paar gute Anregungen gefunden, danke dafür! Ich werde gelegentlich mal wieder vorbeischauen!"
Und ich weiß auch, dass es für schwierige Themen, wie etwa die Inklusion behinderter Menschen am Arbeitsmarkt Lösungen gibt. Gute Lösungen, die von uns kommen:
"Meine Haupterkenntnis: Behinderte haben keinen Marktwert. Es ist gar nicht gewollt, dass sie großflächig in versicherungspflichtige Jobs kommen. Deswegen gibt es Förderschulen und Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). In beiden Fällen hat man sie hübsch beisammen und unter Kontrolle. Die, "die wirklich was leisten können", müssen sich in dem Fall nicht mit Behinderten auseinandersetzen.
Ok, zuerst einmal brauchen wir ein inklusives Schulsystem. d. h. 2 teure Parallelsysteme (Regel- und Förderschule) werden zu einem System, in dem jedes Kind in der wohnortnahen Schule die Unterstützung bekommt, die es braucht.
Nach der Schule gehen Behinderte nicht automatisch in eine WfbM, die in dem Zuge auch abgeschafft bzw. in eine Fähigkeitsschmiede umgewandelt werden könnte, wo wirklich die Leute für den 1. Arbeitsmarkt fit gemacht werden.
Außerdem brauchen wir genauso ein inklusives Ausbildungssystem und in dem Zusammenhang einen Anspruch auf einkommensunabhängige Assistenz. Das gleiche gilt natürlich auch für Studium. Auch sollten die Leute in ihren Fähigkeiten gestärkt werden, die keine klassische Ausbildung machen können, damit sie als so genannte "Ungelernte" trotzdem einer adäquat bezahlten Tätigkeit nachgehen können.
Prinzipiell sollte auch jeder von seiner Arbeit leben können. Ideal wäre natürlich das bedingungslose Grundeinkommen. Zur täglichen Entfaltung sollten gerade im Dienstleistungssektor viel mehr Jobs geschaffen werden, damit Behinderte und Nichtbehinderte sich auch ganz natürlich in der Arbeitswelt begegnen. Sämtliche Arbeitgeber sollten in vielerlei Hinsicht auf Barrierefreiheit achten müssen. Es sollten über Praktikumsmöglichkeiten o.ä. Hemmnisse abgebaut werden, Behinderte einzustellen. Es sollte Arbeitsfeldstationen geben, wo man sich ausprobieren kann, wozu man in der Lage ist, zu tun."
Also nochmal: Danke!!! Tragen wir die vielen guten Ideen in die Gesellschaft, in die Politik, in die Arbeitswelt. Denn die Fachverbände (um auf meinen letzten Post Bezug zu nehmen), das sind wir!

Dienstag, 25. Juni 2013

Von Grundzügen und netten Ideen

Beim gestrigen Gespräch der Fachverbände zum Bundesleistungsgesetz zur Teilhabe, das in der kommenden Legislaturperiode verabschiedet werden soll, traf  ich Hubert Hüppe. Das ist der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen (nebenbei: wäre es nicht angebracht, anstelle von Belangen von Rechten zu sprechen?)

Berufsausbildungsvertrag
In meinem Post "Einander sehen statt angesehen werden" hatte ich darüber berichtet, wie schwierig es selbst für ihn als Repräsentanten der Bundesregierung ist, für seinen Sohn eine inklusive Bildung und Berufsausbildung zu erreichen.

Über meinen Besuch in einem Berufsbildungswerk hatte ich auch berichtet und darüber, dass mich der Geschäftsführer darauf hinwies, dass der "Sohn des Behindertenbeauftragten nun doch in einem BBW sei", so, als würde das die Existenz solcher Einrichtungen positiv hervorheben.

Gestern nun erfuhr ich, dass dem nicht so ist. Herr Hüppe bzw. sein Sohn nutzt ein Trägerübergreifendes Persönliches Budget für eine Ausbildung nach § 66 Berufsbildungsgesetz (BBiG). Und auch dieser inklusive Weg musste erstritten werden.

Nun zur gestrigen Veranstaltung:

Die Fachverbände für Menschen mit Behinderung hatten eingeladen:
Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e. V., Bundesvereinigung Lebenshilfe e. V., Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit e. V., Bundesverband evangelische Behindertenhilfe und der Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e. V.

Bereits an dieser Zusammenstellung können Sie erkennen, dass das Publikum mehrheitlich aus nichtbehinderten Menschen bestand. Leider hält sich dieser Zustand nun schon über Jahrzehnte und für mich stellt sich die Frage, wessen Interessen in den Fachverbänden da genau vertreten werden, wenn 90% der Tagungsteilnehmer nichtbehindert sind. In der Veranstaltungsplanung wurde das auch deutlich: rollstuhlgerechte Barrierefreiheit ja, Barrierefreiheit für Sinnesbehinderte nein.

Unter den politisch aktiven behinderten Menschen sind es übrigens überwiegend Männer, die Politik gestalten. Dr. Sigrid Arnade und ich haben dieses Mal die Frauen mit Behinderung vertreten.

Im Impulsreferat wurden die Grundzüge des Bundesleistungsgesetzes für Menschen mit Behinderung vorgestellt und aktuelle Probleme angerissen. Vollständig nachzulesen sind die Grundzüge hier.

Hier meine Stichpunkte zum gestrigen Eingangsreferat:

* weg von der Fürsorge, hin zur Teilhabe
* menschenrechtliche Perspektive
* trotz Berufstätigkeit besteht hohes Armutsrisiko für Menschen mit Behinderung
* Leistungskatalog für Nachteilsausgleiche muss offen sein
* notwendig sind einheitliche Kriterien zur Bedarfsfeststellung
Meine Notiz während des Eingangsreferats
* Ausgleichsbetrag notwendig, weil Behinderungen und daraus resultierende Benachteiligungen ungleich sind
* Wahlmöglichkeiten sichern
* Teilhabe am Arbeitsleben auch über Teilhabeleistungen sichern und nicht mehr über Sozialhilfe
* WfbM bleibt wichtig für Teilhabe am Arbeitsleben (soviel zur Frage: Wer vertritt hier wessen Interessen und was hat eine WfbM mit Teilhabe zu tun?)
* Ziel: Leistungen aus einer Hand (Das war beim Trägerübergreifenden Persönlichen Budget auch das Ziel und es hat nicht funktioniert.)
* Ziel: qualifizierte, verständliche, behördenunabhängige Beratung (Die wichtige Frage, wo und bei wem diese angesiedelt werden soll, wurde in den Grundzügen nicht vorgestellt.)

Zu den Statements der 5 eingeladenen Bundestagsparteien gibt es mehr im nächsten Post.