Donnerstag, 25. April 2013

Ist Inklusion gewollt?

Tafel mit bunter Kreide

Mit freundlicher Genehmigung von Martin Zierold veröffentliche ich hier seine Rückmeldung zum letzten Bildungspolitischen Forum in Berlin:
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte Ihnen gerne von einer Veranstaltung berichten, die ich kürzlich besucht habe. Am Montag, den 15.April 2013 um 18 Uhr fand das Bildungspolitische Forum zum Thema „Inklusion in Berliner Schulen“ statt, welches von der Friedrich Ebert Stiftung organisiert wurde. Bei dieser Veranstaltung, die sich mit dem Wandel hin zu Partizipation und Inklusion beschäftigte, gab es Vorträge von verschiedenen ExpertInnen, ProfessorInnen und PolitikerInnen. Ich habe diese Vorträge sehr interessiert verfolgt. Nach einer Weile ist mir jedoch aufgefallen, dass etwas ganz Entscheidendes fehlte: Personen, die sich aus der Perspektive der Betroffenen mit dem Thema Inklusion beschäftigen. Als mir das aufgefallen ist, bin ich aufgestanden, um meine Kritik vorzutragen. Ich habe versucht, den VeranstalterInnen deutlich zu machen, dass wenn es einen gesellschaftlichen Wandel geben soll, sie auch bereits bei der Überlegung wie dieser abläuft, Partizipation und Inklusion vorantreiben müssen. Barrierefreiheit lässt sich nicht für andere Leute umsetzen, sondern nur als gesamtgesellschaftlicher Prozess, der bereits die Divergenz der Gesellschaft abbildet. 
Am Thema Inklusion wurde von der Senatsverwaltung und dem Beirat gearbeitet. Im Beirat saßen Stadträte, PolitikerInnen, ExpertInnen und der Landesbehindertenbeauftragte. Das ist aber nicht genug. Es müssten Menschen in den Prozess eingebunden sein, die selbst mit verschiedenen Barrieren konfrontiert sind, weil sie zum Beispiel im Rollstuhl sitzen, taub oder blind sind. Nur wenn deren Erfahrungen einen Einfluss auf die Entwicklung haben, kann auch wirklich Inklusion erreicht werden. Wenn jedoch bereits im Ansatz über deren Köpfe hinweg entschieden wird, ist eine Veränderung zu tatsächlicher Inklusion für mich undenkbar. Deshalb habe ich die Veranstaltung dieser Form in Frage gestellt. Ich konnte dieses grundsätzliche Übergehen von Betroffenengruppen nicht aushalten. Ich denke, dass es notwendig ist Kritik auszusprechen, um einen Bewusstmachungsprozess in Gang zu bringen. 
Mit freundlichen Grüßen
Martin Zierold

Wieder ein Beispiel, wo diejenigen nicht einbezogen werden, um die es geht.

Heute übrigens tagt der Menschrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf. Der Bericht der BRK-Allianz, in der sich über 70 Nicht-Regierungsorganisationen in Deutschland zusammengeschlossen haben, die sich mit den Menschenrechten behinderter Menschen befassen, konnte nicht berücksichtigt werden. Er war zu lang.


Deshalb heute die Frage an meine Leserschaft: Ist Inklusion gewollt?

Mittwoch, 24. April 2013

BBW - auch eine Mogelpackung?

In meinem Post "Positive Öffentlichkeit - wie Schutzteufel gesund machen" habe ich über meinen Besuch in einem Berufsbildungswerk berichtet.

Was ich damals nicht berichtet habe, ist, dass mich der Geschäftsführer, nachdem er von meiner Arbeitslosigkeit gehört hatte, bat, ihm eine Initiativbewerbung zukommen zu lassen.

Zuvor wurde uns berichtet, wie gut das Berufsbildungswerk die Auszubildenden in Arbeit begleite - 40% aller Auszubildenden würden im ersten Halbjahr nach der Ausbildung einen Arbeitsplatz finden. Bei den Praktikumsplätzen wie bei den Arbeitsplätzen ginge es immer um individuell angepasste Lösungen.

Anmerkung der Bloggerin: Das stimmt. Wer Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen sucht, findet selten Stellenangebote, die zu 100% passen. Deshalb geht es bei der Akquise von Arbeitsplätzen für schwerbehinderte Menschen auch weniger um Stellen, die zu vergeben sind, sondern mehr um Stellen, die geschaffen werden.

Im Berufsbildungswerk arbeiten 250 Menschen, die 450 junge Menschen mit Behinderung ausbilden. Also dachte ich mir: bei so vielen unterschiedlichen Professionen wird sich doch ein Arbeitsfeld schaffen und finden lassen, in dem ich tätig werden kann. Also schickte ich eine Bewerbung los. Gestern kam die Rückmeldung, "dass wir zur Zeit keine entsprechende Stelle zu besetzen haben." Vergleichen Sie diese Ablehnung mal mit den beiden oberen Absätzen...

Im Zusammenhang mit Werkstätten für behinderte Menschen schrieb ich mal von Mogelpackungen. So ähnlich kommt es mir hier auch vor.

Sonntag, 21. April 2013

Straßenbahngeschichten

Auf dem Weg zur letzten Bezirksverordnetenversammlung wurde ich gleich nach Betreten der Straßenbahn von einer Seniorin begrüßt:

"Hallo, Frau Pohl!"

Ich erkannte die ältere Dame, mit der ich gemeinsam eine E-Mail-Adresse in einem Medienkompetenzzentrum eingerichtet hatte. Sie berichtete ganz stolz, dass sie jetzt schon 30 E-Mails erhalten habe und die "Jungs" (im Medienkompetenzzentrum) ganz nett wären. Und dann wäre da noch dieser S(ch)pam...

"Ja", sagte ich "Sie müssen aufpassen, dass Sie sich keinen Virus einfangen."

"Ach nö, da müssen Sie sich keine Gedanken machen, mir geht's noch ganz gut."

Schmunzeln bei allen Fahrgästen ringsum.

Auf dem Rückweg schaut mich eine junge Frau immer wieder an.

"Entschuldigung, dass ich frage, aber: Sind Sie schon mal vor einem halben Jahr mit dieser Straßenbahn gefahren?"

"Schon möglich. Ich fahre manchmal auf dieser Strecke."

"Ich hab Sie gleich wiedererkannt. Sie kamen damals gerade aus einem Rathaus."

Nun erinnerte ich mich: Wir kamen damals ins Gespräch und wir sprachen auch darüber, wohin wir unterwegs waren.

"Das habe ich mir gemerkt, weil ich das so ungewöhnlich fand."

Donnerstag, 18. April 2013

Inklusion ist... wenn barrierefrei auch einfach ist (Teil 2)

Jetziger Stand zu meiner Teilnahme am Parteitag in Neumarkt und Fortsetzung meines Posts "Inklusion ist...":

Nachdem ich bei Hotel, Tagungszentrum und Gasthof erfolglos war, habe ich einen kleinen Hilferuf gestartet - mit gemischten Ergebnissen. Gut gemeinte Hilfsangebote sind eben gut ...gemeint: Pfadfinder, Wikipediaeinträge über Bahnhöfe, HRS-Einträge von Hotels...

Auch alle schon gemeinschaftlich gebuchten Busse sind nicht rollstuhlgerecht. (Auch dann nicht, wenn Rollstuhlfahrer mitfahren.) Manche können vielleicht noch ein paar Stufen selbständig überwinden, ich nicht. Und ich halte es für beide Seiten für unzumutbar, mich jedes mal raus und rein zu tragen, wenn ich mal zur Toilette muss. Und ein Hotel mit 4 Stufen am Eingang ist zwar parterre, aber eben nicht rollstuhlgerecht.

Am meisten hat mich geärgert, dass mir mangelnde Sensibilität gegenüber meinen nicht mobilitätseingeschränkten Mitmenschen vorgeworfen wurde, wenn ich darauf hingewiesen habe, dass ich für Vorschläge zwar dankbar sei, einige der Vorschläge aber wenig hilfreich seien.

Und es ärgert mich, dass der Vorstand Hinweise und Hilfsangebote zur Vorbereitung der Parteitage nicht einbezieht.
"Falls ihr also für künftige Planungen die Perspektive eines Menschen im Rollstuhl braucht - ich bin gern bereit zu helfen!" Email von mir vom 02. Mai 2012 an den Bundesvorstand
Beispiel: Wenn ich ein Zimmer in einem umliegenden Ort nehme, bleibt immer noch die Frage, wie ich auf dem Land von da zum Tagungsort und wieder zurück komme.

Die Lösung sieht jetzt so aus: Am Freitag fahre ich von Berlin nach Nürnberg und übernachte dort im Intercity-Hotel nahe dem Hauptbahnhof, am Samstag von Nürnberg nach Neumarkt und von Neumarkt nach Nürnberg, am Sonntag von Nürnberg nach Neumarkt und wieder zurück von Neumarkt nach Nürnberg und von Nürnberg nach Berlin.

Hublift als Beispiel für eine Einstiegshilfe am Bahnsteig
Für alle Einstiegs- und Ausstiegsorte (12 insgesamt) habe ich je nach Vorhandensein Einstiegshilfen am Bahnsteig bzw. fahrzeuggebundene Einstiegshilfen und Sitzplätze in der Bahn gebucht bzw. reserviert. Für Spontanfahrten in Bayern habe ich eine Website gefunden - Anmeldung 1 Stunde vorher montags bis freitags 7 bis 20 Uhr. (#findedenfehler)

Also: Die Beauftragte für Inklusion und Menschen mit Behinderungen wird am Parteitag teilnehmen, zusammen mit anderen Barrierefreiheit und Inklusion als Themenschwerpunkte ins Wahlprogramm einbringen (hoffentlich ist das Podium auch stufenlos erreichbar), damit Barrierefreiheit bei künftigen Planungen nicht nur normal, sondern auch einfach (herzustellen) ist.

P.S. Heute gibt es in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte einen Antrag der SPD, darauf hinzuwirken, dass die defekten Aufzüge der Berliner Verkehrsbetriebe bereits auf der Website der BVG leicht zu erkennen sind, damit mobilitätseingeschränkte Fahrgäste leichter (um)planen können. Bisher muss man sich dazu erst einloggen, registrieren und dann bekommt man den Status ausgewählter Fahrstühle bzw. Bahnhöfe per Mail gemeldet. Ich hab meiner Fraktion empfohlen, den Antrag zu unterstützen, denn: barrierefrei ist einfach.


Freitag, 12. April 2013

Positive Öffentlichkeit - Wie Schutzteufel gesund machen

In dieser Woche habe ich zusammen mit anderen inklusionspolitisch Interessierten das Berufsbildungswerk (BBW) "Annedore Leber" besucht.

Berufsbildungswerke sind Orte der beruflichen Rehabilitation und dienen der beruflichen Erstausbildung von jungen Menschen mit Behinderung. In Deutschland gibt es insgesamt 52 BBW. Meist ist an sie auch ein Wohnheim angeschlossen, wenn sie für einen größeren Einzugsbereich zuständig sind.

Als Streiterin für individuelle Inklusion im Kiez habe ich mich schon mehrfach mit dem Für und Wider von Einrichtungen beschäftigt, in denen ausschließlich Menschen mit Behinderung lernen, arbeiten und leben.

Der Geschäftsführer begrüßte mich am Eingang mit den Worten: "Sie sind diejenige, die froh ist, nicht in einem Berufsbildungswerk gewesen zu sein?!"

Schrecksekunde.

"Woher wissen Sie das?"

"Steht in Ihrem Blog!"

Ausgangspunkt war mein Post, indem ich berichte, dass auch der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen für seinen behinderten Sohn kämpfen musste, um ihm einen regulären Schulbesuch zu ermöglichen.

Darauf sprach mich der Geschäftsführer an und aktualisierte meinen Post: Der inzwischen junge Mann sei nun doch in einem Berufsbildungswerk, um eine Berufsausbildung zu absolvieren.

Beim weiteren Rundgang lernten wir einen anderen jungen Mann kennen. Er lebt mit einer starken Sehbehinderung und benötigt für seine Ausbildung im IT-Bereich zusätzlich zu seiner Brille einen extragroßen Bildschirm mit sehr viel Kontrast und ein über eine Kamera verkleinertes Panorama des Klassenzimmers auf einem zweiten extragroßem Bildschirm direkt vor ihm. Technisch gesehen also alles machbar.

Er hatte sich bereits bei Siemens beworben und von dort auch einen positiven Bescheid bekommen. Man könnte ihm dort nur keinen Ausbildungsplatz anbieten, stellte ihm aber nach erfolgreicher Ausbildung einen Arbeitsplatz in Aussicht.

Deshalb stelle ich heute Abend zwei Fragen an Sie, liebe Leserinnen und Leser:

  • Wenn selbst der Sohn des Behindertenbeauftragten des Bundes keine Chance auf einen regulären Ausbildungsplatz hat, wie sollen es dann "normale" Eltern behinderter Kinder schaffen, ihr Kind inklusiv auszubilden?
  • Wie können Betriebe und auch kleinere Unternehmen unterstützt werden, auch Auszubildenden mit Behinderungen eine Berufsausbildung zu ermöglichen?

Mir scheint, es fehlt unter anderem an Informationen über Förderungen durch die Integrationsämter, Agenturen für Arbeit und Jobcenter, es fehlt auch an positiver Öffentlichkeit und Werbung für die individuellen Stärken behinderter Menschen. Und da sind wir alle im täglichen Umgang in unserer Wahrnehmung gefragt.

Was ich mit positiver Öffentlichkeit meine?

Ein Beispiel: Heute titelte die Süddeutsche Zeitung: "Sagen Sie jetzt nichts, Omar Sy Der Krankenpfleger aus »Ziemlich beste Freunde« über Eddie Murphy, gute Laune und »X-Men«." Krankenpfleger - weil er genau das eben nicht war, war der Film ein Erfolg.
Driss im Film und Abdel im richtigen Leben sind Assistenten, Freunde und "Schutzteufel" (so wird er im Buch genannt). Und Philippe Pozzo di Borgo (der echte Rollstuhlfahrer, auf dessen Leben der Film beruht) sagt:
Dies ist keine Geschichte über Behinderte. Eher eine allgemeine Lehrstunde über zwei Verzweifelte, die sich unterstützen... Unsere Gesellschaft spielt verrückt, alles gerät in Unordnung, die Finanzmärkte und der ganze Rest. Es ist richtig, sich zu empören, das reicht aber nicht. Man muss auch zusammenstehen.
Sich gegenseitig mit den jeweiligen Stärken unterstützen und zusammenstehen. Darauf kommt es an.

Dazu braucht man keine Krankenpfleger, sondern Menschen mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Und das macht letztlich auch gesund. Alle.