Sonntag, 30. Dezember 2012

Imagine - Von Heilpraktikerzulassungen und Drachenbootrennen

Ich habe in den vergangenen Tagen darüber getwittert, dass am 13. Dezember 2012 das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschieden hat, einer blinden Frau die Zulassung als Heilpraktikerin zu erteilen. Das hatte zuvor das Bezirksamt Lichtenberg von Berlin abgelehnt.

Prompt bekam ich zur Antwort "Das stelle ich mir aber dann doch schwierig vor, wenn man nicht sehen kann."

Sich nicht vorstellen können - das ist ein Grund von vielen, weshalb die gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen so langsam vorwärts geht.

Ich  antwortete ungefähr so: "Schwierig heißt ja nicht, dass es unmöglich ist. Wenn mehr Menschen mit und ohne Behinderung zusammen arbeiten würden, würden Sie staunen, was möglich ist!"

Das weiß ich selbst aus vielen Begebenheiten in meinem Leben:

Es ist mehr möglich als Ärzte und Experten prognostizieren. 
Es ist mehr möglich als sich die meisten vorstellen können.

Und schließlich fragte ein ehemaliger Kollege zurück: "Hast du noch ein Foto vom gemeinsamen Drachenbootrennen?" Er spielte damit auf folgende Geschichte an:



Beim Drachenbootrennen unter Kollegen im letzten Jahr war klar, dass ich mit aufs Boot komme. Meine Kollegen hatten mir einen Sitz gebaut, der an ein Kettenkarussell erinnerte, damit ich nicht wegrutsche. Das machte das Boot zwar schwerer, aber das Gemeinschaftserlebnis ging vor. Wir haben trotzdem oder gerade deswegen gewonnen!
Vielfalt ist eben doch Reichtum!
Und ein bisschen Neid gab es dazu: Noch nie ist eine Frau von ihrem Ausbilderkollegen bei diesem Rennen auf Händen ins Boot getragen worden. Naja, auf den Arm genommen trifft es wohl eher...

Denn ganzen Post dazu lesen Sie hier.

Zum Jahresausklang wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dass auch das (noch) Unvorstellbare passiert. Wenn Sie den Mut haben, es zu denken.

Montag, 24. Dezember 2012

True Colors

Mit diesem Song des Britischen Paraorchestras grüße ich meine Leserinnen und Leser und wünsche Ihnen vielfältige, farbenfrohe, gemeinsame, frohe Tage!


Sonntag, 23. Dezember 2012

Mein Weihnachtswunsch 2012

Liebe Leserinnen und Leser,

mein Weihnachtswunsch hat sich bisher nicht erfüllt: ein Arbeitsplatz.

Und das ist sicherlich kein Zufall.

Meine Arbeitsvermittlerin bescheinigte mir, dass ich alle Voraussetzungen für eine Tätigkeit als Vermittlerin oder Integrationsberaterin erfülle. Ich fand eine Stellenanzeige in der Agentur für Arbeit Potsdam und bewarb mich als Integrationsberaterin für Arbeitsuchende mit Vermittlungshemmnissen.

Ich wurde zum Assessmentcenter eingeladen und hatte nach den 6 Stunden auch ein ganz gutes Gefühl. So konnte ich auf Förderinstrumente wie Probebeschäftigung, Unterstützte Beschäftigung, Arbeitsassistenz, Integrationsfachdienste und meine Erfahrungen im Übergang (Förder)schule-Beruf verweisen.

Nach ein paar Tagen das Ergebnis: man hat sich für eine andere Bewerberin entschieden.

Ich erinnerte mich noch, in der Pause zwischen den Tests fragte mich eine Mitbewerberin:
"Ist das wirklich so, haben Schwerbehinderte es wirklich schwerer, einen Arbeitsplatz zu finden?"
"Wie viele Schwerbehinderte kennen Sie denn aus ihrem beruflichen Umfeld?"
"Keinen."
"Das ist die Antwort."
Ich würde mir für die Arbeitsuchenden mit Vermittlungshemmnissen wünschen, dass nicht sie es ist, die den Job bekommen hat...

Und hier noch zwei Dinge, die ich zum Thema Erwerbstätigkeit gefunden habe:

1. eine MDR-Dokumentation



und 2. eine Studie der Universität Bremen über Einstellungsgründe und Einstellungshemmnisse zur Beschäftigung schwerbehinderter Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Wenn ich diese lese, dann fällt mir ein Einstellungshemmnis auf, was ich mir das ganze Jahr über nicht wünsche: Vorbehalte.

Ohne Vorbehalte aufeinander zugehen - das wünsche ich uns allen!

Frohe Weihnachten und Happy Holidays, liebe Leserinnen und Leser!

Freitag, 14. Dezember 2012

Wie gelingt Inklusion? So!


Ich berichte heute von zwei Aktionen im Rahmen des Beirates von und für Menschen mit Behinderung in Berlin-Mitte, in dem ich mitarbeite, die zeigen, wie Inklusion gelingen kann:

Der Behindertenbeirat erhielt eine Anfrage bezüglich der Händler in einem Weddinger Kiez, in der es darum ging, dass die vielen Geschäfte dort mit einem Rollstuhl nicht zu befahren sind, weil sich vor fast jeder Tür mindestens eine Stufe befindet.

Aus dieser Anfrage entstand in Zusammenarbeit mit der Bezirksbeauftragten für Menschen mit Behinderung, dem Beirat, 18 Händlern und Händlerinnen und dem dortigen Quartiersmanagement eine Aktion, bei der sich sowohl das Quartiersmanagement als auch die Händler bereit erklärten, die Rampen zu finanzieren.

Das das - entgegen der häufigen Meinung - eben nicht teuer sein muss, beweist ein Link zu einem Rampenhersteller: hier.
Mitglieder des Beirates und die Bezirksbeauftragte, Frau Knuth

Jetzt haben inzwischen 18 Händlerinnen und Händler im Pankstraßenkiez eine mobile Rampe, die beim Einkauf von mobilitätseingeschränkten Menschen eingesetzt werden kann.

Im Nachhinein gab es auch Stimmen, die sagten "Aber die Rampen nutzen jetzt auch die Händler, um die Warenpaletten zu transportieren!" Dann kann ich nur antworten: "Richtig so, denn Barrierefreiheit ist für  alle da!"

Die Volkshochschule in Berlin-Mitte hatte zu einem Einführungskurs in Leichter Sprache eingeladen und das hatte ich als Beirätin auch publik gemacht. Und so kam es dann auch, dass sich gehörlose, blinde, sehbehinderte Menschen zusammen mit Menschen mit Lernschwierigkeiten und einer Linguistin mit Zuwanderungsgeschichte darüber austauschten, was leicht verständlich und zugänglich ist.

Leichte Sprache ist ein Konzept zur Umwandlung von Texten in Sprache, die auch für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder wenig Deutschkentnissen verständlich ist. Und capito berlin ist ein Dienstleister, der diese Leistung anbietet.

Hier beispielhaft einige Punkte, die bei Leichter Sprache zu beachten sind:

  • kurze Sätze
  • einfacher Satzbau
  • neuer Satz, neue Zeile
  • keine Schachtelsätze
  • Überschriften als Frage formulieren
  • direkte Rede
  • keine Sprichworte
  • wenig Sonderzeichen
  • kontrastreiche Piktogramme
Wir kamen ins Gespräch und einigten uns auf die fast wichtigste Regel: Leichte Sprache richtet sich nach der Zielgruppe. Wir diskutierten zum Beispiel über das Wort Stadt-Bezirk - ein gehörloser Workshopteilnehmer merkte an, dass das Wort Bezirk zu wenig vorstellbar sei und er würde für Stadt-Teil plädieren, während die Teilnehmer mit Lernschwierigkeiten das Wort Stadt-Teil zu unkonkret fanden.

Das ist das Gute an Inklusion - es eröffnen sich neue Sichtweisen und alle werden aufmerksamer, wenn wir respektvoll und interessiert aneinander und miteinander sind.

Und das sollte nicht nur in der Weihnachtszeit so sein...

Sonntag, 9. Dezember 2012

Bleibt das SGB IX die "Bibel" des Behindertenrechts?


Menschen- und Selbstbestimmungsrechte, wie etwa die freie Wahl des Wohnortes oder die freie Entscheidung zu einer Elternschaft, gelten für Menschen mit Behinderungen hier mitten in Deutschland nicht oder nur eingeschränkt. Obwohl das SGB IX – Rehabilitation und Teilhabe – bereits seit 10 Jahren in Kraft ist und eindeutig Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe als oberstes Ziel der Leistungen nach diesem Buch benennt, sieht die Realität vieler behinderter Menschen anders aus. http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_9/__1.html

Das SGB IX ist ein bisschen wie die Bibel – da stehen auch viele wünschenswerte, gute Dinge drin, aber die Realität ist meistens anders. http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_9/

Deshalb wird am kommenden Donnerstag, 13.12.12, der Bundestag auf Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen über die Weiterentwicklung des Neunten Buches Sozialgesetzbuch im Sinne der Selbstbestimmungsrechte behinderter Menschen sprechen und beschließen.

Wichtige Punkte des Antrags sind:

  • Die Zielsetzungen des SGB IX müssen uneingeschränkt für alle Rehabilitationsträger nach § 6 SGB IX gelten. Als ein Beispiel verweise ich hier auf den Finanzierungsvorbehalt nach § 13 SGB XII http://www.sozialgesetzbuch.de/gesetze/12/index.php?norm_ID=1201300 , der das Wunsch- und Wahlrecht und das Ziel der Selbstbestimmung bei der Wahl des Wohnortes bzw. der Wohnform aushebelt.  Mit der Annahme des Antrags würde die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen werden, dass eine Abschiebung in ein Pflegeheim gegen den Willen behinderter Menschen nicht mehr möglich ist.
  • Das Beratungsangebot für Menschen mit Behinderung verbessern, denn vielfach fehlen schlichtweg Informationen, um Teilhabeleistungen z.B. in Form eines Trägerübergreifenden Persönlichen Budgets nach § 17 SGB IX mit größtmöglicher Selbstbestimmung zu erhalten. Dazu braucht es auch Schulungen und ein anderes Bewusstsein der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei den Leistungsträgern, die der Eigenverantwortung der Menschen mit Behinderung immer noch mit  großer Skepsis begegnen.
  • Schließlich geht es noch im Antrag um eine flexible, personenzentrierte Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben – Stichwort Reform der Eingliederungshilfe -, auch jenseits der Anbindung an eine Werkstatt für behinderte Menschen. Damit die Werkstatt für behinderte Menschen nicht zur einzigen Möglichkeit und Endstation wird.
Insgesamt ein guter Antrag. Was fehlt, ist die Anerkennung der persönlichen Assistenz als Teilhabeleistung und damit eine Abkehr vom Pflege-Patienten-Versorgungs-Denken im Zusammenhang mit Behinderung. Oder auch die Festschreibung der physischen, informationellen und kommunikativen Barrierefreiheit als Grundlage der Selbstbestimmung.

Dennoch: ein guter Antrag, deshalb lautet die Beschlussempfehlung des Ausschusses für Arbeit und Soziales: Ablehnung. ;)  Denn der Antrag stammt von einer Oppositionspartei.

Besprochen wird der Antrag auf TOP 20 der 214. Sitzung des Bundestages, das wiird so gegen 21.30 Uhr am Donnerstag sein. 

Fazit: 2013 – Klarmachen zum Ändern!

Zum Weiterlesen:
Bundestag Plenum
214. Sitzung, Donnerstag, 13.12.2012
Neuntes Buch Sozialgesetzbuch im Sinne des Selbstbestimmungsrechts der Menschen mit Behinderung weiterentwickeln
Drucksachen:
Behindertenpolitische Forderungen des Deutschen Behindertenrates für die kommende Legislaturperiode http://vdk.de/cms/mime/3275D1354520337.pdf

Freitag, 7. Dezember 2012

Die Kunst des Anderen


Was für eine Woche! Seitdem ich am vergangenen Samstag kundgetan habe, dass ich mich für einen Arbeitsplatz im nächsten Deutschen Bundestag interessiere, platzt die Mailbox aus allen Nähten.

Doch vor diesem Fernziel gibt es noch eine Menge zu tun - hier, konkret, vor Ort.

Am Montag wurde im Ausschuss für Gesundheit und Soziales über die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen im Land Berlin gesprochen. Ohne Gebärdensprachdolmetscher. Ohne Schriftdolmetscher.

Ein Reporter befragte mich, was mir an diesem 3. Dezember wichtig wäre: "Dass mehr Menschen mit Behinderung auf der anderen Seite des Saales sitzen und arbeiten würden - mit Rede- und Stimmrecht." Die saßen am Montag nämlich mehrheitlich im Besucherblock, ohne Rede- und Stimmrecht.



Ich wunderte mich noch, dass Herr Dr. Schneider, der Beauftragte des Landes Berlin für die Belange von Menschen mit Behinderung, nicht anwesend war. Heute weiß ich, dass er in Brüssel für die Stadt Berlin einen Preis entgegennahm - den Access City Award. Für Barrierefreiheit.

Am Abend besuchte ich dann eine wirklich beeindruckende Vorstellung: "Ziemlich verletzlich, ziemlich stark", von der auch das Foto stammt. Dort konnte man erleben, wie barrierefreie Veranstaltungen wirklich gestaltet werden können: mit Rampen aufs Podium, Gebärdensprachdolmetscher, Audiodeskription während der Filmsequenzen und Schriftdolmetscher. Und wie sagte Martin Georgi von der Aktion Mensch: "Barrierefreiheit ist gar nicht so schwer, man muss nur dran denken."

Zum Schluss zitiere ich Philippe Pozzo di Borgo, den ich persönlich erleben durfte, aus dem neuen Buch "Ziemlich verletzlich, ziemlich stark" (vielleicht auch ein gutes Geschenk, Anm. der Bloggerin):
"Aus der Behinderung lernt man, oft auf brutale Weise, die Kunst des Anderen, die Notwendigkeit, in der Gruppe zu leben....Wir alle sind in der Lage, uns auf eine Beziehung zum Anderen einzulassen...und so eine Gesellschaft der Zuversicht aufzubauen...Warten Sie nicht, bis Sie unberührbar geworden sind, um das Glück wieder in ihrem Leben zuzulassen."
Frohen Freitag, liebe Leser!