Sonntag, 21. Oktober 2012

Perfektion ist der Feind der Inklusion II

Zu den meistgelesenen Posts in meinem Blog zählt der Post "Perfektion ist der Feind der Inklusion und Barrierefreiheit ist kein Flaschengeist". Darüber freue ich mich, weil es doch zeigt, dass es für den Weg der Inklusion kein Schwarz-Weiß gibt, keine einzig richtige Lösung.



Und jetzt lese ich wieder einen Artikel wie diesen: "Lehrerverband warnt vor zu schneller Inklusion" oder gar, dass Inklusion "Sabotage an der Zukunft" sei.

Da werden Szenarien beschrieben wie: Er (der Lehrer) »stand … plötzlich vor 21 Kindern, die Geräusche machten wie Alex. Sie ertrugen ihn, indem sie einfach so laut wurden wie er.«

Ich bin Pädagogin mit Leib und Seele und ich habe schon in integrativen Schulen und auch in Schulen mit Förderschwerpunkten Lernen, geistige Entwicklung und emotionale/soziale Entwicklung gearbeitet.

Derartige Szenen haben sich dort noch nie abgespielt.

Und wenn wie in diesem Artikel die Situation der Lehrer so beschrieben wird: 
"Die Vertretungslehrerin kennt die Klasse nicht und weiß nicht, welches die Kinder mit Inklusionsstatus sind.", 
dann frage ich mich, wie diese Lehrer überhaupt arbeiten. Gibt es keine Jahrgangskonferenzen, Dienstberatungen, Absprachen, Förderplanungen? Und wie solche Lehrer den Unterricht überhaupt gestalten: 
"Die Schüler finden sich in Zweier- oder Dreiergruppen zusammen. Lukas bleibt allein. Es dauert lange, bis er seine Sachen aus der Schultasche ausgepackt hat, dann blickt er versonnen aus dem Fenster und spielt mit seinem Lineal. In der Klasse ist es unruhig."

Lernpatenschaften, Projektgruppen, Binnendifferenzierung - das kann ich doch als Pädagogin steuern und methodisch umsetzen.

Sicher, Zweitbesetzungen und Schulhelfer sind wichtig, aber nicht allein entscheidend für den Erfolg des inklusiven Wegs.

Wir brauen Mut, Neugier, Kompetenzen für gemeinsames, vielfältiges, individuelles und differenziertes Lernen und Arbeiten. Wir brauchen keine Perfektion, keine allgemeingültigen Vorschriften, keine geschürten Ängste.

Mut zur Lücke, zum Anfang, zur Kreativität und Individualität - das wünsche ich uns zum morgigen Wochenstart!

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Therapievorschlag: Bildung

Immer wieder erstaunt es mich, wie wenig Ärzte über Behinderungen wissen.

 

Ich lebe mit einer Myelomeningocele, das ist eine der häufigsten angeborenen Fehlbildungen, die in 80-90% der Fälle mit einem Hydrocephalus verbunden ist. (Bei mir nicht, sondern die Folge einer Hirnhautentzündung.) Und darüber informiere ich jeden Facharzt vorab.

Heute begab sich folgender Dialog zwischen mir und einem Arzt:

Zur Vorbereitung einer Untersuchung sollen Elektroden an meinem Kopf befestigt werden.

Also frage ich noch mal nach: "Sie wissen noch, dass unter der Haut eine Hirnwasserableitung verläuft?"

Die Krankenschwester holt den Arzt und ich wiederhole meine Frage: "Ich wollte nur noch mal dran erinnern, dass sich unter der Haut ein magnetisch verstellbarer Shunt befindet."

"Wieso haben Sie so etwas?"

"Wegen eines Hydrocephalus."

"Und hilft dieser Shunt?"

"?!"

"Ja. - Mit einem unbehandelten Hydrocephalus hätte ich nicht lange überlebt."

"Dann können wir die Untersuchung nicht machen."

Diagnose: Barrieren im Gesundheitswesen - auch die fangen im Kopf an. 
Mein Therapievorschlag: Bildung.
Prognose: Bei regelmäßiger Anwendung erfolgreich.

Toiletten ohne Klo - Accessibility? Postponed!

Gestern sollte in der Sitzung des Sozialausschusses in Berlin-Mitte unter anderem über barrierefreien Wohnraum gesprochen werden. 

Als ich etwas zu früh im Rathaus ankam, wollte ich vorher noch die Toilette benutzen, die rollstuhlgerechte.

"Die hier unten ist wegen der Baumaßnahmen im Haus gesperrt."
"Aber es gibt noch eine andere. In der zweiten Etage."

Das wusste ich noch nicht.

"Sie müssen aber aufpassen, eine ist für Männer und eine für Frauen."

"?!" Vielleicht bezog sich ihre Mitteilung darauf, dass die meisten behindertengerechten Toiletten nicht geschlechtsspezifisch sind. Also, auf in den zweiten Stock.

Dort sehe ich folgendes Schild:



















Dann das:



















Und danach das:



















Wieder ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, dass es in öffentlichen Einrichtungen ein (bauliches) Konzept zur Barrierefreiheit gibt und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über Räumlichkeiten und Hilfsmittel, die der Barrierefreiheit dienen, geschult werden und entsprechende Wege kennen. Zu diesem Thema habe ich schon mal gebloggt, im Blogpost "Der Schlüssel zu mehr Präsenz und Mobilität".

 Was aus dem Thema Barrierefreiheit wurde? - Vertagt. ;)

Freitag, 12. Oktober 2012

Weil sie Mädchen sind...

Gestern war der erste weltweite Mädchentag und ich war im Rathaus Berlin-Mitte dabei. Es war der erste, der von den Vereinten Nationen ausgerufen wurde, um speziell die Rechte von Mädchen weltweit zu stärken.

Das Rathaus hatte sich in einen bunten Treff verwandelt und die Mädels von MÄDEADünja und Gangway e.V. haben sich mit der Deko, Speisen und Getränken, den Infoständen, der Fotoausstellung und dem Programm wirklich Mühe gegeben!

Und sie hatten Sister Fa, eigentlich Fatou Mandiang Diatta, eingeladen - eine senegalesische Rapperin und Streiterin gegen Beschneidungen an Mädchen und jungen Frauen.

So wurde im Rathaus gerappt und gleichzeitig gebildet und gestärkt - Kinder schaffen diesen Spagat!

Fatou Mandiang Diatta ist selbst ein Opfer der Genitalverstümmelung, die sie selbst Beschneidung nennt. Sie sagt: "Wenn ich mit den Frauen, Müttern und weiblichen Verwandten, die Beschneidung ausüben, ins Gespräch kommen will, verurteile ich sie mit dem Wort Genitalverstümmelung und es kommt kein Dialog zustande." Und sie sprach auch darüber, dass gesetzliche Verbote allein - wie bei vielen anderen Dingen auch - nicht ausreichen. Wenn nach einer Beschneidung die Mütter mit ihren Kindern aus Angst vor der Reaktion auf den Gesetzesverstoß nicht in Krankenhaus gingen, sondern die Kinder an den Folgeinfektionen sterben, sei keinem geholfen, so Fatou Mandiang Diatta.

In der anschließenden Diskussionsrunde mit Bezirkspolitikern sprachen die Mädchen - auch das war für mich beeindruckend - über seelische Gewalt innerhalb von Familien hier in Deutschland und die Stigmatisierung von Schülerinnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Kurzer Einschub von mir: Schade fand ich, dass kein einziges Mädchen mit einem sichtbaren körperlichen oder geistigen Handicap da war.

Und danach Party mit DJanes und Schmuck und bedruckten T-Shirts.

Weil sie Mädchen sind. ;)

So heißt übrigens auch die Initiative von Plan International zum Weltmädchentag.

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Email für Raúl - Was ist Erfolg?


Raúl Krauthausen hat gestern einen Beitrag für das Inklusionsblog der Aktion Mensch geschrieben.

Da mein Kommentar nicht ins Kommentarfeld auf dem Inklusionsblog  passt, schicke ich hier meine Gedanken dazu an Raúl und auch an alle anderen Leserinnen und Leser meines Blogs:

Lieber Raúl,

ich lese die meisten deiner Beiträge und schätze dich für viele Dinge, die du in der Öffentlichkeit tust.

Und da ich weiß, dass du auch ab und an mein Blog liest, kennst du mich als Streiterin mit Herzblut für Inklusion.

Doch dieser Blogeintrag ist mir wirklich zu undifferenziert, besonders in den Absätzen, in denen es um den Einfluss des Besuchs von "Sonderschulen" - die in Berlin Förderzentren heißen - auf den vermeintlichen Erfolg im Leben geht.

Ich versuche das zu erklären: Wenn Eltern behinderter Kinder in den 70-er und 80-er Jahren (in dem jeweiligen Gesellschaftssystem) für ihr Kind die Wahl hatten zwischen (Kranken-)Hausunterricht und dem gemeinsamen Lernen mit anderen behinderten Kindern in einem Internat, dann haben sie unter den damaligen Möglichkeiten die bestmögliche Entscheidung getroffen, wenn sie sich für das gemeinsame Lernen mit behinderten Kindern entschieden haben.

Und einige dieser ehemaligen „Sonderschüler“ haben ein Abitur abgelegt, andere nicht – das ist für mich kein Indiz für Erfolg oder Misserfolg im Leben. 

  • Manchmal ist es der Behinderung selbst geschuldet (Menschen mit Lernschwierigkeiten, die einen großen Teil der Schüler mit Förderbedarf ausmachen, machen seltener Abitur),
  • manchmal dem Schulsystem (z. B. weil es in Deutschland keine Möglichkeit gab und gibt, in Gebärdensprache Abitur zu machen)
  • und manchmal, weil jemand dazu keine Lust hatte.

Einige dieser Menschen mit Exklusionserfahrung arbeiten heute als Pädagogen, Psychologen, Mathematiker, Juristen,  Betriebswirte, in öffentlichen Verwaltungen und privaten Unternehmen (und Frauen tun dies auch). Einige haben sich berenten lassen – manche wegen des zunehmenden Drucks auf dem Arbeitsmarkt, manche wegen einer fortschreitenden Erkrankung. Einige konnten und können keine Berufsausbildung absolvieren, weil sie keine Berufsbildungsreife erlangen (das liegt am jeweiligen Lehrplan und Schulabschluss und nicht an der Schulform).

Und  es waren und sind gerade diese Menschen mit  Exklusionserfahrung, die sich seit den 60-er Jahren überall in der Welt für Teilhabe einsetzen und eingesetzt haben und für Selbstbestimmung gestritten haben und noch streiten.

So wertvoll deine Aktivitäten und die der anderen jüngeren behinderten Menschen auch sein mögen – ohne den Einsatz aller Mitstreiter für Inklusion in den letzten 4 oder 5 Jahrzehnten wären wir alle heute nicht so weit, wie wir jetzt sind – so mangelhaft dieses Sozialsystem auch sein mag.

Ich wünsche uns allen weiterhin viel Kraft auf dem eigenen und gemeinsamen Weg!

Ulrike 

Freitag, 5. Oktober 2012

Von Zahnarztstühlen und neuen Perspektiven - Dental Treatments and New Perspectives

In dieser Woche bin ich in einer HNO-Gemeinschaftspraxis einem Arzt begegnet, der beinamputiert war. Er saß auf einem durch Rollen beweglichen Hocker und stieß sich mit einem Bein ab, wenn er sich zwischen Behandlungsstuhl und Schreibtisch flink bewegte.

Und wie immer wollte ich mich zur Untersuchung auf den Behandlungsstuhl setzen. Doch dieses Mal sagte der Arzt, dass das nicht notwendig wäre, "Das kriegen wir auch so hin".

In meinem Post "Fördern fürs tun - Dabeisein ist alles!" habe ich schon einmal - bezogen auf öffentliche Ausschusssitzungen - gefragt:
Wie anders würden sich solche Sitzungen gestalten, wenn in Regierungsgebäuden, in öffentlichen Einrichtungen, Schulen, Freizeiteinrichtungen mehr Menschen mit sichtbaren Behinderungen arbeiten, sprechen und gehört würden? 
Und während meines Arztbesuchs konnte ich genau diese Veränderung erleben: Weil das Gegenüber eben aus eigener Erfahrung wusste, dass man mit einem körperlichen Handicap mal nicht so ohne weiteres den Platz wechseln oder - wenn´s klingelt - zur Tür oder zum Telefon gehen kann, gab es eine Alternative und die für mich bequemere Lösung.


Hippokrates

Barrieren im Gesundheitswesen - das ist mehr als der stufenlose Zugang oder eine rollstuhlgerechte Toilette (die wären schon schön), es geht auch um die Ausstattung und Behandlungsmöbel innerhalb einer Praxis oder Klinik: z.B. Behandlungsstühle beim Zahnarzt, Ohrenarzt, Gynäkologen. Oder auch bei Untersuchungen wie bei einem MRT oder einer Mammografie. Wie anpassbar sind diese Geräte an unterschiedliche Menschen?

Und da Barrierefreiheit immer im Kopf beginnt, bedeutet Barrierefreiheit im Gesundheitswesen auch immer ein Umdenken: Muss diese Untersuchung unbedingt auf diesem Behandlungsstuhl stattfinden oder würde eine normale Liege ebenso diesen Zweck erfüllen? Oder gibt es mobile Behandlungsgeräte, damit der Patient an seinem Ort bleiben kann?

Umdenken, sich hineinversetzen, empathisch sein - damit kann man vieles erreichen - und manchmal sogar eine neue Perspektive. Mit und ohne weißen Kittel. ;)


Mittwoch, 3. Oktober 2012

Deutsche Einheit im Hörsaal - German Unity at the lecture hall

3. Oktober 2012 - Seit 22 Jahren und 2 Tagen bin ich Berlinerin. Trabi im Kreisverkehr, Unfall auf der Rolltreppe, Deutsche Einheit (Ich war dabei!) und Studentenproteste - so ging es los.

Eine meiner ersten West-Ost-Erfahrungen fand in einem Hörsaal der Humboldt-Universität zu Berlin 1990 statt. Damals sah man es den Menschen noch an, aus welchem Teil des gerade wiedervereinigten Deutschlands sie kamen. Und eben diese Kommilitonin, die sich gerade zu Wort meldete, schien aus dem westlichen Teil des Landes bzw. der Stadt zu kommen.

Der Professor schlug uns Studenten Literatur zur Vorbereitung auf seine Genetik-Vorlesungen vor:

"Lesen Sie die Abschnitte zu Genetik in den Lehrbüchern Klasse 11 und 12."
"Von welchem Verlag?"
Stirnrunzeln.
"Volk und Wissen. - Welcher sonst?"
"Welche Autoren?"
"?"
"Die Artikel sind alle von mir."
"Und welche Auflage?"
"?!"
"Na, welche Ausgabe sollen wir lesen?"
"Ist egal, steht überall das Gleiche drin."
Stirnrunzeln auf beiden Seiten.
Nach einer Weile fragt der Professor: "Sie kommen wohl nicht von hier?"
Der Kommilitonin entrüstet sich: "Wie können Sie so eine Frage stellen - das ist Diskriminierung!"
"Naja, wenn Sie von hier kämen, hätten Sie solche Fragen nicht gestellt."

Einen schönen Feiertag wünsche ich! :-)