Sonntag, 30. September 2012

Goldener Herbst, Würde und Störenfriede

Neulich sah ich eine Reportage über die Beschwerden von Anwohnern, die eine gemeindenahe Pflegeeinrichtung wegen der Geräusche der Pflegehilfsmittel als störend empfinden.

Und ich frage mich, was sind das für  Menschen, die sich ernsthaft über die Geräusche von Pflegehilfsmitteln beschweren?

Ich habe diese Woche den Film "Liebe" gesehen, ein berührender Film über eine alte Liebe auch in Zeiten der Pflege und Hilflosigkeit - auf beiden Seiten. Bis zum Ende. Vertrautheit, Hingabe, Leid, Verzweiflung, Linderung - aber immer mit Würde. So, wie wir es uns alle wünschen bis zum Ende.

Ansonsten habe ich wieder angefangen, meinen Kalender regelmäßiger zu benutzen, denn es gibt vieles, worauf ich mich im Oktober und November freue und was ich planen muss, damit es keine Überschneidungen ;) gibt:

  • Ich werde Lehrer fortbilden in Persönlicher Zukunftsplanung,
  • mich zum Thema Internet und Sucht selbst fortbilden,
  • Kiezpolitik im Stadtteilplenum machen,
  • den Film "Home" sehen, 
  • mich mit Unterstützter Beschäftigung weiter beschäftigen und 
  • wenn ich dann noch einen Job, der Berufung ist, finde, 
dann wird es ein goldener Herbst!

Mittwoch, 26. September 2012

Kinder an die Macht!

Gestern habe ich (wieder) in einem Beirat mitgearbeitet, der sich mit Stadtplanung beschäftigt und diesmal ging es um die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an städtebaulichen Projekten, die nach der UN-Kinderrechtskonvention Artikel 12, den §§ 1, 8, 36 und 80 des SGB VIII und nach § 5 des AG (Ausführungsgesetz) KJHG vorgeschrieben ist. Im Bezirksverwaltungsgesetz des Landes Berlin ist sie unter der „Mitwirkung der Einwohnerschaft“ in den §§ 40ff. geregelt.


Berlin-Mitte hat 2 Stellen eingerichtet für die Koordinierung der Beteiligung (eine in öffentlicher und eine in freier Trägerschaft) und 6 sogenannnte Beteiligungsbüros, die mit Schulen, Projekten und Quartiersmanagements zusammenarbeiten. Es existiert ebenso eine Kooperationsvereinbarung zwischen Jugendhilfe und Stadtentwicklung im Bezirk, die eine Bürgerbeteiligung von Kindern und Jugendlichen regelt. Erwähnenswert finde ich noch, dass Berlin-Mitte der einzige Stadtbezirk ist, in dem Kinder und Jugendliche im Jugendhilfeausschuss uneingeschränktes Rede- und Antragsrecht haben.

Somit ist Berlin-Mitte für die Kinder- und Jugendbeteiligung formal gut aufgestellt.

Als konkrete Beispiele für die Weiterentwicklung von Partizipation von Kindern und Jugendlichen wurden folgende Projekte angerissen:

U18 – die Wahl vor der Wahl
Kiez auf Kurs – Strategieentwicklung und Nachhaltigkeit von Beteiligung
Kinderjury Mitte – Kinderideen für Kindereinrichtungen
Jugend bewegt Stadt – Aktionsfond zu Sport und Bewegung im öffentlichen Raum

Wer sich noch weiter mit dem Thema beschäftigen will, sei auf www.mitbestimmen-in-berlin.de hingewiesen, was eine Sammlung von Projekten, Aktionen, Links, Förderprogrammen und Institutionen zu diesem Thema enthält.

Wie bei vielen anderen Dingen steht und fällt auch Kinder- und Jugendbeteiligung mit dem Bewusstsein von Menschen, die mit Kindern zu tun haben oder über Kinder betreffende Belange entscheiden: in Schule, in der BVV, in der Stadt- und Verkehrsplanung, im Jugendamt, in Freizeitstätten.

Als Hinweis habe ich auch mitgenommen, dass es bisher zu wenig Tools gibt, die Kinder und Jugendliche mit ihren Medien (online, in Netzwerken) zur Partizipation nutzen können. Und es gibt zu wenig (Amts-)Texte in kindgerechter, leichter Sprache.

Die würden dann auch vielen anderen zugutekommen…

Montag, 24. September 2012

Ich hab noch einen Koffer in Berlin


"Ich hab noch einen Koffer in Berlin" - mit diesem Lied, von Marlene Dietrich gesungen, beginne ich heute meinen Blogpost. 

Am vergangenen Wochenende war ich in meiner alten Heimat und bevor ich losfuhr hatte ich einen kleinen Schwatz mit dem Inhaber des neuen Restaurants um die Ecke, über das ich schon gepostet habe. Zuvor hatte ich meinen kleinen roten Koffer auf dem Bürgersteig neben meinem Pkw abgestellt, damit es mir leichter fällt, ihn in den Kofferraum zu heben.

Ich war wohl etwas unkonzentriert und bin losgefahren, mit der Überzeugung alles eingepackt zu haben.

Angekommen im heimischen Sachsen - Geschenke für die Kinder, Lippenstift, Netbook sind da, aber kein Koffer.

Nun wären die paar Klamotten zu verkraften, aber die medizinischen Utensilien, die zu meinem Alltag gehören, waren auch weg. Und ohne die kann ich nicht länger als 2 Stunden bleiben. Also habe ich am Freitag Abend noch mit Nachbarn telefoniert, und eine kleine Rundreise durch die Notfallapotheke und Notfallambulanz im Landkreis unternommen (in meinem Fall war es schon mehrmals von Vorteil, mit Krankenschwestern verwandt zu sein), um wenigstens behelfsmäßig für die dringendsten Bedürfnisse ausgestattet zu sein.

Gestern Abend bin ich zurückgekehrt und ich hatte gehofft, dass irgendein Nachbar meine Reisetasche entdeckt und vor meine Tür in den Hausflur gestellt hat.

Sie finden das unrealistisch? Ist es nicht. Als rollstuhlfahrender, aktiv und selbstbestimmt lebender Mensch hat man einen hohen Wiedererkennungs- und Erinnerungswert. Während der harten Wintertage in den letzten Jahren musste ich mich manchmal schieben lassen, um ein paar Meter vorwärts zu kommen. Und meistens brauchte ich gar nicht zu  sagen, wohin ich wollte. "Ich weiß schon, wo Sie wohnen."

Nicht umsonst heißt mein Blog "Ich kenne Sie doch?!", weil es mir oft passiert, dass Menschen mich freundlich grüßen und ansprechen, weil sie mir irgendwann einmal bei einer Stufe oder einem Bürgersteig behilflich waren und das in ihrem Gedächtnis geblieben ist. Und dann sagen sie meist Sätze wie "Ich kenne Sie doch?!" - 

"Ich hab noch einen Koffer in Berlin", irgendwo und mal sehen, ob wir uns doch noch wieder treffen...

Donnerstag, 20. September 2012

Beichtstuhl für Bauherren und Thüringer DIN - Confessional for building site managers

Beichtstuhl im Gemeindesaal.
Wie der Buchtitel des Buches lautet,
das auf dem Sims liegt,
verrate ich nur auf Nachfrage.
Gestern habe ich mich geärgert. Ich habe mir einen Veranstaltungsort für eine Tagung angesehen, an der ich demnächst teilnehmen will. Ein alter Gemeindesaal, der ursprünglich zu einer kirchlichen Gemeinde gehörte und jetzt als Kunstprojekt und Veranstaltungsort genutzt wird.

Stufenloser Zugang vorhanden und ja, der Beichtstuhl ist auch noch da ;)

"Haben Sie eine rollstuhlgerechte Toilette?"

"Nein."

Und er erzählt mir eine Geschichte, die wohl mein Mitgefühl und Verständnis wecken soll. Er hatte schon mal ein Kunstprojekt in einer anderen Immobilie und da hat er eine Rampe anbauen müssen und viel Geld dafür ausgegeben. Das Bauamt hätte bemängelt, dass nicht der Haupteingang für Rollstuhlfahrer benutzbar sei und die Rampe zu steil sei.
"Und dann kam nicht mal ein Rollstuhlfahrer!"

Wie steil die Rampe denn gewesen sei, will ich wissen.
"10%. Die hat eine Firma aus Thüringen gebaut. Die haben dort andere Vorgaben."
"?"
"Dort sind 10% oder 12% Steigung erlaubt."
Aha.
"Naja, jetzt habe ich ja Bestandsschutz."

Ein Blick in die DIN, die übrigens deutschlandweit gilt, würde genügen, um zu wissen, dass der Richtwert 6% ist. Überall in Deutschland. Und wenn ich in Berlin baue, sollte ich mich doch an der Berliner Bauordnung orientieren? Und - was für ein Zufall - auch dort sind 6% Steigung und ein gleichberechtigt nutzbarer Haupteingang vorgeschrieben.



In einem Punkt gab ich dem Inhaber Recht: Es sollte mehr Förderung des barrierefreien privaten Bauens geben, damit auch kleinere nicht-öffentliche Träger von Freizeiteinrichtungen, Arztpraxen, Begegnungsstätten barrierefrei zugänglich sind.

Fazit: Ich werde die Toilette in einem noblen Hotel nutzen, dass 350m entfernt ist. Entweder das oder keine Konferenz.

Wussten Sie eigentlich, liebe Leserinnen und Leser, dass es nicht wenige Rollstuhlfahrer gibt, die sich - obwohl  dazu keine medizinische Notwendigkeit besteht - vorsorglich Windeln anziehen, falls sie für  die 350m nicht schnell genug sind? Ich finde, das ist ein Skandal und gehört an die Öffentlichkeit!

Ich habe jetzt eine Termin beim Urologen. Chronischer Harnwegsinfekt. Was für ein Zufall.

Dienstag, 18. September 2012

10 Warnsignale drohender Zufriedenheit

Heute schreibe ich mal nur ab, nämlich von Dr. Eckardt von Hirschhausen:

Zehn Warnsignale drohender Zufriedenheit  
  • Die Neigung, spontan zu denken und zu handeln ohne Angst.
  •  Die unverkennbare Fähigkeit, jeden Moment zu genießen.
  • Verlust des Interesses, andere zu beurteilen.
  • Verlust des Interesses an Konflikten.
  • Verlust des Interesses, sich selbst zu verurteilen.
  • Verlust, der Gewohnheit, sich Sorgen zu machen.
  • Wiederkehrende Phasen der Wertschätzung und Würdigung allen Lebens.
  • Zufriedenmachende Gefühle der Verbundenheit mit anderen und der Natur.
  • Die zunehmende Neigung, den Überfluss des Lebens wahrzunehmen und anzunehmen.
  • Anfälle von herzlichem Lachen.
  • Dass es  Ihnen egal ist, dass es 11 Warnsignale sind.

P.S. Der Quantenphysiker Niels Bohr, hatte ein Hufeisen über dem Eingang zu seinem Haus angebracht. Einmal wurde er daraufhin gefragt, ob er denn daran glaube, dass es Glück bringe.

Er antwortete: "Nein, aber es funktioniert auch, wenn man nicht daran glaubt." ;)

Montag, 17. September 2012

Piraten können auch barrierefrei!

In der  gesamten letzten Woche habe ich mit vielen anderen gemeinsam den Parteitag der Berliner Piraten vorbereitet, bin dann auch dabei gewesen und habe mich an den Abstimmungen beteiligt.

Es war ein besonderer Parteitag.

Es war der erste, der in großen Teilen barrierefrei war. Und er war es deshalb, weil viele Menschen daran beteiligt waren. 

Dieser Parteitag war zugänglich für gehbehinderte Menschen. Wir hatten z. B. schon in der Einladung Informationen zur Barrierefreiheit der umliegenden Haltestellen und zu Parkplätzen gegeben. Gut, Luft nach oben gibt es immer, wie man an dieser rollstuhlgerechten Toilette an der Bordsteinkante sehen kann ;) Aber das konnte mit vier starken Menschen schnell behoben werden.

Es gab Kinderbetreuung, damit auch Piraten, die Eltern sind, an der Landesmitgliederversammlung (LMV) teilnehmen können.

Für blinde Menschen hatten wir die Schriftstücke in barrierefreie txt-Dateien umgewandelt.

Dieser Parteitag war zugänglich für Menschen mit Migrationshintergrund, weil wir schon die Einladungen in verschiedenen Sprachen verfasst hatten und sich während der Veranstaltung Piraten für Übersetzungen bereit hielten.

Und er war barrierefrei für Menschen mit Lernschwierigkeiten, weil wir die Tagesordnung und viele Anträge in leichte Sprache übersetzt hatten und während der Veranstaltung die Diskussionspunkte in Leichte Sprache gebracht haben. Ich kann nur sagen: Leichte Sprache ist eine schwere Sprache!
Dieser Parteitag war barrierefrei, weil viele Menschen daran mitgewirkt haben, denen ich hier danken will: 
  • Fabio, der meine Kompetenz auf diesem Gebiet immer mit einbezogen hat
  • dem Orga-Squad und im Besonderen Nora, Michael und Jan, die mit mir zusammen Vor-Ort-Besichtigungen gemacht und Absprachen mit dem gegenüberliegenden Hotel getroffen haben
  • Karsten, Doreen, Nora und Rebecca, die Assistenz geleistet haben (denn alles ist mit Technik nicht machbar)
  • dem GecKo-Squad, der auf die verschiedensten Anforderungen und Bedürfnisse bezüglich des Essens reagiert hat
  • Miriam und Martin für eine aufmerksame Versammlungsleitung und 
  • Meinhard und Jürgen für Übersetzungen in verschiedene Sprachen
    - euch allen danke!
Was zeigt uns das?

Wenn wir Barrierefreiheit schaffen, erreichen wir mehr.

Mehr Menschen, mehr Kompetenzen, mehr Vielfalt, mehr Wähler, im Geschäftlichen mehr Kunden, mehr Zufriedenheit. Und so haben diese Landesmitgliederversammlung auch Menschen besucht, die sich im Rollstuhl bewegten, Lernschwierigkeiten hatten, Zuwanderungsgeschichte hatten, hörbehindert waren (auch diese Bedarfe hatten wir im Vorfeld abgefragt) oder blind waren. Auch ich war zum ersten Mal auf einer LMV dabei, u. a. deshalb, weil es im Februar noch keine Informationen zur Barrierefreiheit gab.

Oft wird in Deutschland im Zusammenhang mit Barrierefreiheit, besonders im privaten Bereich, gedacht und gesagt: "Da kommt eh keiner." "Das wird so selten benutzt." "Da hat noch keiner nachgefragt." "Das ist zu teuer."

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wenn ich Barrierefreiheit herstelle, erreiche ich mehr.

Und mehr gekostet hat es - bis auf die Anmietung einer Toilette - nur ein Umdenken und die Bereitschaft vieler Menschen, mit ihren Kompetenzen mitzuwirken!

Ich wünsche mir, dass dieser Parteitag ein Anfang ist, denn es bleibt noch viel zu tun: Ich bin wahrscheinlich die einzige Frau im Landesverband, die in den letzten Tagen von Martin über eine Schwelle getragen wurde... Keine Sorge, es war die Schwelle zur Geschäftsstelle, die für mich (noch) nicht barrierefrei ist. ;)

Diese Landesmitgliederversammlung ist ein Anfang, es bleibt noch viel zu tun! Z.B. die Webseiten der Berliner Crews mit Hinweisen zur Barrierefreiheit zu versehen, damit Neumitglieder, die auf Barrierefreiheit in der einen oder anderen Form angewiesen sind, schnell Zugang finden. Oder das Gemurmel auf Versammlungen so zu reduzieren, dass nicht nur Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen oder Lernschwierigkeiten, sondern alle davon profitieren :)!

Packen wir es an, damit wir mehr erreichen! 


Montag, 10. September 2012

Komfort für alle! - Comfort for all!

Im Frühjahr habe ich das Dixielandfestival in Dresden besucht und am vergangenen Wochenende war ich auf einem Volksfest an der Panke (übrigens einer der Flüsse, deren Flussläufe durch die Berliner Mauer getrennt wurden).

Über das Dresdner Festival schrieb ich: "... und zum barrierefreien Genuss fehlten eigentlich nur noch die richtigen Kabelbrücken, diese hier:
 statt
Wo soll da der Unterschied sein? Bei der gelben Kabelbrücke ist aufgrund der Kürze die Steigung zu hoch und man kommt schlechter (oder gar nicht) selbstständig drüber, die blaue ist nicht so steil und deshalb besser (und selbstständiger) zu 'überrollen'."

Genau so war es gestern auch.

Zur An- und Abreise nutzte ich die Berliner Straßenbahn: die Niederflurwagen haben wirklich einen guten Einstieg, d.h. sie haben eine fahrzeuggebundene Hubplattform, die ausgefahren wird und an der eine kleine Rampe endet, sodass es keinen Höhenunterschied mehr gibt. Und als ich einstieg, hörte ich folgenden Dialog zwischen einem Vater und seiner Tochter:
"Was ist das?" "Ein kleiner Fahrstuhl, damit die Frau im Rollstuhl einsteigen kann." "Geht das auch mit Kinderwagen?" "Grundsätzlich schon, aber das dauert zu lange, wenn alle hier drücken." Der Vater  zeigte auf den "Komfort-Knopf". "Aber wieso ist dort auch ein Kinderwagen aufgemalt - dann können doch auch Mamas drücken?" ;) Papa war sprachlos. "Ja, und alte Menschen, die nicht mehr so gut die Beine heben können und kleine Kinder auch", fügte ich hinzu.

Das fasziniert mich an Kindern am meisten - die sehen zuerst das Gemeinsame: ein Fortbewegungsmittel, egal ob Rollstuhl oder Kinderwagen.

Deshalb meine Anregung für diesen Wochenstart, liebe Leserinnen und Leser, nutzen auch Sie diesen blauen Komfort-Knopf, wenn Sie mit Kind und Kegel und Gepäck oder auch nicht mehr ganz so gut zu Fuß unterwegs sind. Komfort ist für alle da!


Sonntag, 9. September 2012

Nordlichter und Normalität - Northern Lights and Normality

Im Blog von Stephany Koujou geht es meistens um Legasthenie und Dyskalkulie und immer um gute Unterrichtsmaterialien, aber mitunter auch einfach um schöne Dinge. So wie heute: Nordlichter.


Mein Norwegenfoto ist zugegeben nicht ganz so schön. Es ist eine Reiseerinnerung aus dem Jahre 1994:


 Wieso fotografiert man ein Toilettenhäuschen an einem bewölkten Tag?

Als ich zum ersten Mal Anfang der Neunziger in die Niederlande fuhr, war ich enttäuscht: hier in den neuen Bundesländern gab es die ersten "West"-Autos und mit ihnen mehr Tankstellen an den Autobahnen und Raststätten und es gab die ersten rollstuhlgerechten Toiletten an diesen Raststätten, die dann auch ausgeschildert waren.

In den Niederlanden - kein einziges Schild, das auf eine solche Toilette hinwies. Und ich dachte, "die Niederlande, die gelten doch als so liberal und behindertenfreundlich und dann gibt es keine rollstuhlgerechten Toiletten?!"

Bis ich die Erklärung fand: In den Niederlanden verfügte schon vor 20 Jahren jede Raststätte über eine rollstuhlgerechte Toilette. Ausgeschildert war nur der Hinweis, wenn sie vorübergehend defekt war. Ganz neues Denken für mich damals!

Und dann in Norwegen diese Toilette. Auch dort war es schon vor 18 Jahren Standard, dass jedes Toilettenhäuschen auch eine rollstuhlgerechte Toilette hat. Egal, wo es steht. Norwegen hat eine Bevölkerungsdichte von 13 Einwohnern auf einem km², in Deutschland leben im Durchschnitt 229 Menschen auf derselben Fläche.

Eine rollstuhlgerechte Toilette in einem bergigen Wintersportgebiet in einem dünn besiedelten Land - wie oft kommt da ein Rollstuhlfahrer hin und kann das nutzen? Offensichtlich haben solche Überlegungen beim Bau der sanitären Anlagen keine Rolle gespielt. Rollstuhlgerechte Barrierefreiheit als Standard vor fast 20 Jahren - das war wirklich neu für mich! Nordlichter und rollstuhlgerechte Normalität - für mich ist beides schön!

Samstag, 8. September 2012

Accessibility in Japan


Another great example for accessibility on the other end of the world - an escalator suitable for wheelchairs in Japan!

Thank you, +Raul Krauthausen!

Freitag, 7. September 2012

Wir machen den Unterschied (und treiben es manchmal auf die Spitze ;)

Doreen Kröber, Mutter eines autistischen Kindes und Autorin eines lesenswerten Blogs über Schulpolitik in Berlin hat in ihrem letzten Beitrag darüber berichtet, dass Eltern behinderter Kinder im "Beirat für Inklusion" zu wenig in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Die Mitglieder der AG Inklusion im Landeselternausschuss fordern, gemeinsam und gleichberechtigt mit der Senatsverwaltung für Bildung, den Schulen, der Schulverwaltung und den Fraktionen im Abgeordnetenhaus ein neues Konzept zur Inklusiven Schule zu erarbeiten.

Andernfalls würde der Landeselternausschuss sich nicht weiter instrumentalisieren lassen, seine Teilnahme am Beirat für Inklusion beenden und aussteigen.

"Erschreckend fand ich vor allen Dingen, mit welchen Begründungen Eltern nicht behinderter Kinder bzw. Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf den Ausstieg ablehnten. Wenn wir es auf die Spitze treiben würden, hätten sie laut UN-Konvention, überhaupt kein Mitsprache-, und Stimmrecht haben dürfen, als nicht betroffene Eltern bei dieser Beschlussfindung.", schreibt Doreen Kröber.

Stirnrunzeln.

1. Gedanke: Es geht in dem Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen doch gerade darum, dass allen Menschen - ganz gleich ob mit oder ohne Behinderung - die gleichen Rechte zugestanden werden. Keine Bevorteilung, kein Ausschluss, nur gleiche Rechte. Also sollen und dürfen sich auch alle beteiligen, auch Eltern nicht behinderter Kinder. Gleichberechtigt.

2. Gedanke: Auf die Spitze treiben, sich instrumentalisieren lassen - wenn man sich einbringen und was verändern will, ist es immer eine Gratwanderung zwischen Kompromissen, Entscheidungen mittragen, Neues einbringen, erklären, Ängste abbauen, Brücken bauen, Umwege finden, fordern, innehalten, die Perspektive wechseln und manchmal eben auch Dinge auf die Spitze zu treiben oder auch mal auszusteigen.

Liebe Doreen, ich wünsche uns allen viel Kraft und dass wir (meistens jedenfalls) die richtigen Mittel finden, um unsere Ideen einzubringen und unsere Wege fortzusetzen.

Und wozu das alles? Becoming as "One" can make a "Difference"! Das habe ich neulich mal auf einer Website als Statement gelesen, ich glaube es ist ein Zitat von J. F. Kennedy: "One person can make a difference and every person should try." Eine Person kann den Unterschied machen und jeder sollte es versuchen.

Wir sind und bleiben hier, wir gehören dazu, wir machen den Unterschied und können ihn aushalten, wir bringen Veränderung, manchmal nur, indem wir einfach da sind.  

Donnerstag, 6. September 2012

Fama, Ferngespräche und Frauen - Long-distance Calls and Women

Genau vor 175 Jahren, liebe Leserinnen und Leser, stellte ein gewisser Herr Morse seinen ersten Telegrafen vor, den Morseapparat, eine der Grundlagen für elektrische Telegrafie und damit für unsere heutige Kommunikation.

Wenn Sie mal Berlin besuchen sollten, empfehle ich Ihnen das Museum für Kommunikation, in dem es unter anderem auch eine Ausstellung einer riesigen Auswahl an historischen Telefonen gibt.

Ich erinnere mich noch, dass ich mit einem meiner Neffen vor so einem Telefon stehe:

(Zugegeben, es war grau und nicht orange ;) 



und er fragt mich: "Und wie gibt man da die Nummer ein?" ;)

Auch für Schulklassen gibt es dort immer wieder interessante Ausstellungen rund um das Thema Kommunikation: Gerüchteküche, Mobbing, nonverbale Kommunikation, Massenmedien, Krieg und Medien, Wahrnehmung von Raum und Zeit bis hin zur Göttin des Gerüchts Fama oder Pheme:


Die Burg der Fama ist übrigens das Heim für Leichtgläubigkeit, Irrtum, Übermut, Geflüster und Zwietracht. So beschreibt es Ovid.

Und ich habe keine Ahnung, warum Fama ausgerechnet weiblich ist... ;) Darüber muss ich heute Abend mal mit einer Freundin telefonieren. 

Dienstag, 4. September 2012

Pinocchio fährt Bus - Pinocchio travels by bus

Hier ein erneutes Update zu meinem Post "Busfahren fürs AGH - Bühne für Exklusion": Der Ausschuss für Gesundheit und Soziales im Berliner Abgeordnetenhaus hat gestern beschlossen, das "Pilotprojekt" der BVG bis Januar 2013 weiter zu führen.
Das heißt, die neuen Busse werden nur noch nach Knopfdruck durch den Fahrgast und zusätzlicher Auslösung der Kneeling-Automatik durch den Busfahrer abgesenkt (wie sehr schwer behinderte Menschen den Knopf erreichen können, bleibt weiter ungeklärt).

Gefordert wird vom Abgeordnetenhaus allerdings eine unabhängige Bewertung des Projektes verbunden mit der Auflage, bis dahin keine weiteren Busse mit Bedarfskneeling mehr anzuschaffen. Bis zum Ende des Projekts sind die Busfahrer angewiesen, auf jeden Knopfdruck der Fahrgäste von innen und außen zu reagieren.

Das Ganze war eine einzige Pinocchio-Theatervorstellung der BVG und in der Argumentation haben sie sich selbst mehrmals widersprochen.

Es geht um Geld, konkret um 2 Millionen Euro, die man für weniger Instandsetzungen, Diesel und Ausfälle einsparen könne, wenn Berlin auf das Standardkneeling verzichten würde.

Es geht um Geld. Das war der einzig wahre Satz in diesem Ausschuss. Alle anderen Herleitungen, was die Abschaffung des Kneelingstandards Positives bewirken würde, sind kaum nachvollziehbar, hier einige Beispiele:

* Höhere Instandhaltungskosten entstehen auch z. B. durch die Nutzung einer Klimaanlage, der Dieselverbrauch und die Wartungskosten können gar nicht isoliert - bezogen auf das Kneeling - betrachtet werden.
* Es gibt keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen den Rückenschmerzen der Busfahrer und dem Kneeling.
* Durch das zusätzliche Einschätzen des aktuellen Kneelingbedarfs, verbunden mit dem Ein- und Ausschalten des Kneelings durch den Busfahrer / die Busfahrerin erhöht sich die Arbeitsbelastung der Fahrer, die eigentlich verringert werden sollte.
* Das "Pilotprojekt", von dem mal eben 152 Busse und 415 Doppeldeckerbusse betroffen sind, wäre für alle Fahrgäste transparent. Auf der Webseite der BVG finden sich aber sowohl unter dem Stichwort Kneeling bzw. Bedarfskneeling keine Eintragungen.
* Und schließlich: Der Kneelingknopf für Fahrgäste sei gar nicht speziell für Rollstuhlfahrer oder Gehbehinderte, sondern ein "Komfort-Knopf" für alle Menschen, z.B. für Gäste mit schwerem Gepäck, Kinderwagen, alte Menschen, Kinder. Dann stellt sich ja erst recht die Frage: wieso soll dieser Komfortstandard für so viele Kunden eingestellt werden?

Das Wort Pinocchio (Sie wissen schon, dessen Nase bei jeder Lüge länger wurde) ist übrigens zusammengefügt aus den italienischen Worten für Pinienholz, Dummkopf und Auge - pino, pinco und occhio. und das passt auch zu dem gestrigen Ergebnis:

"Holzauge, sei wachsam", wir bleiben dran, BVG!



Sonntag, 2. September 2012

Inklusion - umfassend erklärt

Vollbild anzeigenInklusion, eine interessante und sehr hörenswerte Vorlesung

Mein Lieblingszitat "Ein Insekt in einem Bernstein - dann haben Sie die Inklusion am Hals." ;)

Wer hält hier wen auf? Wer schützt hier wen wovor? Dangerous Minds

Ich blogge hier über Barrierefreiheit und Inklusion und manchmal denke ich, "das muss doch jetzt mal reichen". Und dann gibt es wieder Tage, an denen es mich erstaunt und auch ein bisschen entsetzt, wie Menschen, die nicht so in diesem Thema drin stecken, darüber denken.

Bei dem Treffen mit der Brandenburgischen Ministerin für Bildung forderte z.B. eine Mutter mit Vehemenz, das sie doch ein Recht habe zu wählen und ein Recht habe, ihr Kind in einem Förderzentrum unterzubringen. Ein Recht auf Aussonderung - nein, das gibt die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen nun wirklich nicht her.

Ein Lehrer forderte anschließend ein, dass er als Lehrer auch das Recht haben müsse, den Unterricht mit behinderten Kindern abzulehnen.
Lehrer lehnt Arbeit mit Kindern ab? 
Wenn eine Verkäuferin in einem Bewerbungsgespräch sagen würde, dass sie 
Kundenkontakt ablehne, würden Sie sie dann einstellen? 
Entsetzt hat mich weniger dieses schräge Berufsverständnis, sondern vielmehr, dass in der Diskussionsrunde kaum Widerstand geleistet wurde gegen diese Geisteshaltung.

Und schließlich hatte ich eine Unterhaltung mit einem Architekten, Vater von einer Tochter im Vorschulalter und progressiv, wie ich bis dahin dachte. Zunächst ging es um die Besichtigung eines Tagungsortes bezüglich Barrierefreiheit. "Da kann ich dir nicht helfen, davon verstehe ich nichts." Aha.

Anschließend kamen wir zum Thema Schule: "Ist es nicht  besser, wenn diese Kinder unter sich bleiben? Die nicht behinderten Kinder werden doch sonst aufgehalten?"

Kurze Sprachlosigkeit - bei mir.

"Was soll daran gut sein, ein Kind mit 6 oder 7 Jahren aus der Familie zu nehmen und die Woche über in ein Internat zu stecken, nur, weil es eine Behinderung hat? Ich habe es erlebt, als ich 8 war. Es ist nicht gut. Es gibt bessere Lösungen."

"Aber halten die Behinderten die anderen Kinder nicht auf?" "Also, in den zwei Jahren, in denen ich in einer 'Normalschule' war (darüber blogge ich ein anderes Mal), habe ICH meist auf die anderen gewartet, ich gehörte zu den Klassenbesten."

Sprachlosigkeit - beim Gegenüber.