Dienstag, 31. Juli 2012

Superhuman?

Ich will kein "Superhuman" sein. Sondern einfach Mensch. Einfach Frau.




Montag, 30. Juli 2012

P.S. und Priorität - Priorities

P.S. zu meinem letzten Post "Hochzeit mit Hut und P...ln für Olympia": Sie haben "Ja" gesagt.

Übrigens, kürzlich las ich, dass in den USA im Rahmen des Americans with Disabilities Act ein neues Gesetz erlassen wurde: 

JEDES Schwimmbad, JEDER Hotelpool und jedes SPA muss über mindestens einen barrierefreien Zugang verfügen einschließlich eines Pool-Liftes. Die Frist für die Umsetzung wurde bis zum 31.01.2013 verlängert. Die Kosten für den Umbau können steuerlich geltend gemacht werden. Der Gesetzgeber sieht nur einige wenige Ausnahmen für bereits bestehende Schwimmbäder vor, für neu zu bauende gibt es keine.

Begründung des Gesetzgebers: Menschen mit Behinderungen sind schon viel zu lange von Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten ausgeschlossen.

Im Umkehrschluss bedeutet das auch, dass jedes Hotel über mindestens ein barrierefreies Zimmer verfügt, denn sonst würde ja der Beckenlift keinen Sinn machen.

Die Realität in Deutschland ist davon weit entfernt: eine meiner letzten Besichtigungen eines Schwimmbads ergab - energetische Sanierung abgeschlossen - Beckenlift entfernt... Oder versuchen Sie einfach mal, mit ZWEI Rollstuhlfahrern eine Herberge zu finden oder ins Kino zu gehen...

Obwohl ich nicht alles gut finde, was in Amerika passiert oder aus Amerika kommt, DAS GEFÄLLT MIR.

So, und jetzt mache ich einen Kosmetiktermin. ;)

Sonntag, 29. Juli 2012

Hochzeit mit Hut und P...ln für Olympia - Wedding with a Hat and Peeing for the Olympic Games

Wie ich schon angedeutet hatte, ich war gestern Hochzeitsgast im Brandenburgischen. Deshalb heute mal ein Blick auf Standesämter und Hotels: 
In der Datenbank www.mobidat.net finden sich 4 rollstuhlzugängliche Standesämter in Berlin, in wheelmap.org ist eines in Brandenburg verzeichnet, allerdings ohne genaue Angaben. Die Trauung, bei der ich Gast war, fand in einem schönen Brandenburger Backsteinbau statt, alles frisch renoviert. Allerdings ist keiner auf die Idee gekommen, die 3 Stufen am Eingang mit einer Rampe auszugleichen.

Freie Entscheidungen zur Partner- und Elternschaft, so fordert es das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Artikel 23. Aber wie soll jemand frei entscheiden, wenn es keinen Ort dafür gibt? Hochzeit im Rehazentrum?

Angekommen im Hotel, war das einzige rollstuhlgerechte Zimmer, für das ich mich angemeldet hatte, anderweitig vergeben.

Ein Buchungsfehler, kann passieren.

"Das können wir noch ändern!" "Wir haben noch andere Zimmer im Erdgeschoss." Immer noch guter Hoffnung, willige ich in einen kleinen Rundgang ein. Ergebnis: die Türen zum Badezimmer sind in allen anderen ebenerdigen Zimmern zu schmal. Fazit: keine Übernachtung.

Also frage ich lieber noch mal nach: "Sie haben aber im Restaurant eine rollstuhlgerechte Toilette?" "Ja, wollen Sie sich die mal ansehen?" Das ist im Übrigen eine gute Reaktion, auf Anfragen zur Barrierefreiheit zu reagieren - selbst anschauen und die Gegebenheiten individuell einschätzen.

Und so sah die Toilette aus:

Neben der Toilette müsste eigentlich der Platz frei gehalten werden, damit man im Rollstuhl parallel zur Toilette heranfahren kann. Der ist aber verstellt durch dieses Pissoir. Ich frage mich, welcher Mann im Rollstuhl - sitzenderweise - dort rein treffen soll. Oder ist das eine neue Olympische Disziplin?! ;)

Der Handtuchhalter in Schulterhöhe eines Fußgängers und an der gegenüberliegenden Seite des Waschbeckens.
Und als ich dann den Lippenstift nachziehen wollte, sah ich nur die Krempe meines Huts im Spiegel... auch der in Fußgängerhöhe. 









Mein Glückwunsch an das Paar enthielt ein Zitat von Sören Kierkegaard: 
 Die Ehe ist und bleibt die wichtigste Entdeckungsreise, die der Mensch unternehmen kann. 
Und manchmal reicht für eine Entdeckungsreise auch nur eine Hochzeitsfeier. ;)

Freitag, 27. Juli 2012

Marathon, Mineralwasser und Miteinander - Marathon, Mineral Water and Togetherness

Ich geb zu, ich war schon lange nicht mehr im Fitnessstudio.

Klarmachen zum Ändern - ich gelobe Besserung!

Deshalb erinnere ich mich heute an eine Situation, die ich mal am Vorabend eines Berlin-Marathons erlebt habe:

Die Ebene von Marathon in Griechenland
Ich war mit einem Freund beim Italiener mitten in Berlin essen: tolle Atmosphäre, um uns herum lauter gutgelaunte Menschen mit Shirts ihrer Vereine aus aller Herren Länder... und mit einer ordentlichen Portion Kohlehydrate auf dem Teller.

Auf einmal spricht mich ein Kellner an: er hätte mich im Fitnessstudio gegenüber gesehen und ob ich denn morgen auch mitmachen würde. Ich antwortete: "Ja, aber die Strecke schaffe ich noch nicht. Ich werde mit meinen Auszubildenden am Straßenrand Wasser verteilen."

"Wo steht ihr denn?" "Am Kilometer 33?!" "Kein Problem."

Und so verabredeten wir uns auf ein Wasser an Kilometer 33 - und was soll ich sagen: wir haben uns getroffen, wenn auch nur kurz.

Er musste weiter. ;)


London calling

Mittwoch, 25. Juli 2012

Beine, Begeisterung und Barhocker - Legs, Enthusiasm and Bar Stools

So langsam geht mein persönlicher Hochzeitsmarathon los: 3 Einladungen für 2 Wochenenden - ich freue mich auf schöne Feiern, interessante Gäste und bin gespannt auf die Unterkünfte und räumlichen Gegebenheiten ;) 

Von meinem Schuh- und Farbtick hatte ich schon berichtet und leider fehlen mir dazu auch die langen Beine (zur Erklärung: bei allen vorgeburtlichen Lähmungen hat diese einen Einfluss auf  das Wachstum der betroffenen Gliedmaßen).

Interessanterweise fällt das Kindern meist als Erstes auf und sie sprechen es auch aus: "Kuck mal Mama, die Frau hat ganz kurze Beine!"

Also grüße ich heute alle kurzbeinigen, rundlichen Partygäste! Es lebe die Vielfalt!

Denn ob kurz, lang, dick oder dünn:

Begeisterung und Optimismus 
sind die Beine des Lebens...

Peter E. Schumacher



P.S. Warum in der Überschrift "Barhocker" steht? Weil das einer der Momente ist, in denen ich auch mal die Perspektive wechsle und herabschauen kann. Außerdem ist es eine gute Übung, die Balance zu halten. ;)

Sonntag, 22. Juli 2012

Una città per tutti

Ich habe vor kurzem ein Foto in einem der Netzwerke entdeckt mit obiger Überschrift: 'Una città per tutti' - 'eine Stadt für alle' heißt das wohl (auch wenn ich kein Italienisch kann ;) Darauf war eine Frau im Rollstuhl abgebildet vor einem historischen Bus, mit dem man eine Stadtrundfahrt machen kann:


Das hat mich an eine Stadtrundfahrt erinnert, die ich im letzten Jahr mit meinen Gästen in Potsdam machen wollte - Sanssouci, ohne Sorge, Sie wissen schon...

Dort gibt es auch solche historischen Busse und Bahnen - allerdings ohne Rampe und stufenlosen Einstieg. Ich sah also diese Fahrzeuge und fragte, ob eine Stadtrundfahrt auch mit Rollstuhl möglich sei. "Gar kein Problem!", war die selbstbewusste Antwort. Wir sollten doch bitte auf den nächsten Bus warten.

Immer wenn in Deutschland jemand meint, Barrierefreiheit sei "üüüberhaupt kein Problem", werde ich stutzig und meistens mit Recht. ;)

Der nächste Bus kommt, etwas breitere Tür, aber mit diesem Haltegriff in der Mitte und ohne Rampe. "Sie sagten doch, die Stadtrundfahrt ist auch mit Rollstuhl möglich?" "Können Sie gar nicht laufen?" "Das sagte ich doch?!"

Nach einigem Hin und Her bekam ich mein Eintrittsgeld zurück und wir fuhren mit einem ganz "normalen", barrierefreien öffentlichen Bus durch die Stadt und machten unsere eigene Stadtführung.

Doch zurück nach Italien:

Dort gehen alle Schülerinnen und Schüler mindestens 8 Jahre gemeinsam in eine Schule. Alle. Seit 1977, also seit 35 Jahren, gibt es dafür eine gesetzliche Grundlage, dass behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden - in einer Klasse von maximal 20 Schülern.


Aus meiner Arbeit in einem europäischen Projekt, an dem auch italienische Partner beteiligt waren, weiß ich, dass Inklusion in der Praxis eben nicht bedeutet, dass immer alle alles zusammen machen - es gibt auch in Italien zeitweise Einzel- oder Kleingruppenförderung. Aber die  Grundlage, die Basis ist die Gemeinsamkeit.

Gemeinsam - das heißt übrigens comune.

Wieviel, liebe Leserinnen und Leser, findet in ihrer Kommune gemeinsam statt? Denken Sie mal drüber nach, vielleicht beim Italiener heute Abend...


Donnerstag, 19. Juli 2012

Schrittweise - Gradually

Ich habe mich neulich mit einem Teehausbetreiber getroffen. Mit einem, der zwar eine rollstuhlfreundliche Toilette hat, aber keinen rollstuhlgerechten Zugang. Und nach meiner Einschätzung ist der auch nur mit großem baulichen und finanziellen Aufwand einzurichten.



Also hat mich der Teehausbesitzer reingetragen (gibt es eine Gegend in dieser Woche in Deutschland, in der es nicht geregnet hat?) und mir trotzdem stolz seine Toilette gezeigt.

Und wir kamen ins Gespräch: Um Barrierefreiheit voran zu bringen, wäre es doch gut, so etwas wie eine schritt- oder stufenweise Einschätzung der Barrierefreiheit vorzunehmen, um das schon Bestehende zu erwähnen und auch wertzuschätzen. Wheelmap.org, die interaktive Datenbank zur Barrierefreiheit, macht das mit einem Ampelsystem.

Und zweitens, um Barrierefreiheit  auch im privaten Bereich, der ja einen großen Bereich der Lebensqualität ausmacht, voran zu bringen, wäre es sinnvoll, Fristen zu setzen und Fördergelder zu vergeben an diejenigen privaten Träger, die Barrierefreiheit schrittweise herstellen.

Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen spricht von "geeigneten Maßnahmen, um sicherzustellen, dass private Rechtsträger... alle Aspekte der Barrierefreiheit... berücksichtigen." (Artikel 9). In Österreich geht man diesen Weg z. B., um die Zugänglichkeit von niedergelassenen Arztpraxen zu verbessern.

Fördergelder und Fristen statt Ausgleichsabgabe und Ausgrenzung.

Das würde Arbeitsplätze schaffen - für die Baubranche und für behinderte Menschen und würde mal was anderes retten als Banken: Teilhabe. 



Oder doch lieber weiter abwarten und Tee trinken?

Montag, 9. Juli 2012

Anlegestellen und Annehmlichkeiten - Docks and Conveniences

Heute sind Fürst Albert von Monaco und seine Frau Charlène zu Gast in Berlin. Und zum Programm gehörte auch, dass sie auf einem Dampfer die Spree entlang schipperten.

Auch ich hatte am Wochenende Gäste und sie hatten sich gewünscht, mit mir auf einem Dampfer die Spree entlang zu fahren. Also erkundigte ich mich nach barrierefreien Schiffen der Stern- und Kreisschifffahrt Berlin: 2 der 31 Fahrgastschiffe werden als barrierefrei / behindertengerecht bezeichnet (weil auch Lift zum Oberdeck vorhanden), 2 weitere Schiffe werden als behindertenfreundlich bezeichnet (rollstuhlgerechte Toilette und Außensitzplätze). Eines davon heißt "Sanssouci", also "ohne Sorge", und mit eben diesem schipperte das Fürstenpaar über die gute, alte Spree.


Nun nahm ich am Samstag in meinem "jugendlichen Leichtsinn" an, dass, wenn das Schiff rollstuhlgerecht ist, es die Anlegestellen auch sein müssten. Doch weit gefehlt: lediglich 5 der insgesamt 80 Anlegestellen der Berliner Schifffahrtsgesellschaft sind rollstuhlzugänglich. Und so fiel meine Bootsfahrt am Wochenende buchstäblich ins Wasser, denn die von mir gewählte Anlegestelle gehörte zu den 75.

5 von 80 Anlegestellen sind rollstuhlzugänglich - und im Prospekt der Stern und Kreis Schifffahrt GmbH kann man lesen "Eine Sache, die uns am Herzen liegt! Berlin befindet sich auf dem Weg zu einer barrierefreien Stadt." 
Ich frage mich, würde irgendein Geschäftsführer oder Unternehmer sagen "Wir sind auf dem Weg zur Chancengleichheit von Männern und Frauen", wenn 94% aller Arbeitsplätze / Führungspositionen von Männern besetzt sind? Oder ist ein Unternehmen auf dem Weg zur Vollzeitbeschäftigung, wenn 94 % aller Arbeitsplätze Teilzeitarbeitsplätze sind? Wie sehr liegt einem dieses Anliegen dann am Herzen?


Und bevor ich mich ganz aufrege: es geht auch anders. Um die Ecke hat der Besitzer eines Restaurants gewechselt und alles neu renoviert, das Restaurant heißt jetzt "Bonnie and Clyde". Heute habe ich den neuen Besitzer nach dem Vorhandensein einer rollstuhlgerechten Toilette gefragt und man bot mir bereitwillig einen kleinen Rundgang an: aus drei Toiletten hat man zwei größere gemacht, die dadurch beide auch für Rollstuhlfahrer nutzbar sind. Und die auch noch in einer meiner Lieblingsfarben gestrichen sind: lila. Toiletten, die nicht als Abstellraum genutzt werden, sondern große, ansprechende, saubere Räumlichkeiten. Toll!

Und schließlich zeigte man mir auch noch die Herrentoilette mit blankpolierten weißen Pissoirs und einer gepolsterten Wandfläche etwa einen Meter über den Pissoirs. Auf meinen fragenden Blick erklärte mir der Restaurantbesitzer: "Wegen der Bequemlichkeit, zum Kopfanlehnen - sowas wollte ich schon immer mal haben."

Barrierefreiheit, Bequemlichkeit und Chic - das geht eben doch zusammen, so wie Bonnie und Clyde.

Mittwoch, 4. Juli 2012

Zeit oder "Wie steht's, Herr Polizist?" - Time and "Who has scored a goal, Police Officer?"

Wenn mich jemand fragt, was die größte Herausforderung in meinem Leben ist, dann ist meine Antwort: "Die Zeit."



Die alltäglichen Dinge dauern länger: Anziehen, Toilettengang, ins Auto steigen... Dazu kommen noch viele zusätzliche Termine: Arztbesuche, auch wenn frau nicht krank ist, Kommunikation mit Behörden, monatliche Hilfsmittelversorgung, Therapien... Ja, das scheint die größte Herausforderung zu sein, alle Alltagsanforderungen in 24 Stunden unterzubringen und dabei immer noch Zeit für die schönen und angenehmen Dinge des Lebens zu haben.

Was war das doch gleich? ;) Familie, Freunde, Liebe, Bücher, Bloggen, Kaffee, Kunst, Kultur... sogar das  berufliche Amt und Ehrenamt zählen für mich zu den angenehmen Dingen, zu Dingen, die ich gern tue. Meistens jedenfalls.

Umso mehr ärgert es mich, wenn meine Zeit von anderen verschwendet wird, so wie gestern Abend und am vergangenen Sonntag.

Ich komme von einem Besuch bei einem Freund zurück und freue mich auf das Endspiel der EM, da steht ein nicht berechtigter Pkw auf dem für mich reservierten Parkplatz. Hupen, Warnblinker - es nützt nichts, ich muss die Polizei rufen. Die kommt dann auch und organisiert einen Abschleppdienst. Das Ganze dauert dann immer - je nach Verfügbarkeit der Polizei und des Abschleppdienstes - 1 - 2 Stunden. 2 Stunden meines Lebens.

So geschehen am Sonntag. Während des Finales der Fußball-EM. Nun wohne ich in einer Gegend mit vielen Restaurants und Kneipen und das Spiel lief auf vielen Bildschirmen. Durch die Wagen vor mir hatte ich zwar keinen Blick auf einen der Bildschirme, aber der Polizist. Und so bekam ich nicht nur meinen Personalausweis zurück, sondern auch den jeweiligen Spielstand.

Gestern Abend, das gleiche Procedere - 1 Stunde für das Freimachen des Parkplatzes. Diesmal hat mir ein Schweizer Nachbar, der der Liebe wegen in Berlin ist, eine Thermoskanne Tee vorbei gebracht, um die Wartezeit zu verkürzen. Und ein anderer hatte schon mal das Kennzeichen des Falschparkers notiert.

Danke, Nachbarn!


Der Schlüssel zu einer Situation steckt oft in der Tür des Nachbarn...

Stanislaw Jerzy Lec