Freitag, 29. Juni 2012

"Sie wirken gar nicht so!"

Manchmal kommt es vor, dass, wenn ich zum Arzt gehe, wir uns im Laufe des Gesprächs mehr über die Probleme des Arztes unterhalten als über meine. Das könnte mehrere Gründe haben:
  1. Wenn ich zum Arzt gehe, bedeutet es nicht zwangsläufig, dass ich krank bin. Verschreibungen von Heilmitteln, Hilfsmitteln und Arzneimitteln sind Bestandteil meines Alltags. Und sie bedeuten auch nicht Leiden, denn sie steigern meine Lebensqualität.
  2. Es könnte natürlich auch damit zu tun haben, dass ich - selbst wenn ich mal krank sein sollte - meistens nicht krank und leidend wirke. 
  3. Und reden kann ich irgendwie immer. So ergab sich im Vorbereitungsraum eines Op.-Saals folgender Dialog zwischen mir und dem Krankenpfleger / Assistenzarzt (so genau weiß ich das nicht mehr, weil ich zu dem Zeitpunkt schon etwas ruhiggestellt war):
"Schön, Sie mal wieder zu sehen! Nur mal zur Kontrolle, Frau Pohl (dabei schaute der Pfleger auf ein Formular), es soll ein Shuntassistent implantiert werden?" "Ja." "Und der Shunt verläuft an der linken oder rechten Seite?" "Links." "Und der Verlauf? Ventricoloperitoneal oder ventricoloatrial?" "Ventricoloperitoneal." 

So langsam kamen mir Zweifel. Ich richtete mich in meinem Hemdchen (Sie kennen diese weiß-blauen Dinger, die hinten offen zu tragen sind.) wieder auf und forderte ihn mit meiner inzwischen nicht mehr ganz so festen Stimme auf: "Geben Sie mir mal das Formular! Wessen Name steht da überhaupt drauf?" - "Ne, das war nur zur Kontrolle." Und dann fing die Narkose an zu wirken.

Seit heute nun weiß ich, ich wirke auch nicht arbeitslos. Dazu muss man wissen, dass dieselbe Abteilung in der Arbeitsagentur, mit der ich noch bis vor ein paar Monaten für die Vermittlung meiner Auszubildenden zusammen gearbeitet habe, jetzt auch für mich der Ansprechpartner für meine Vermittlung ist. Eine Beraterin begrüßte mich ganz freundlich auf dem Flur und fragte mich, für wen ich heute unterwegs sei. Sie bat mich ins Büro und war überrascht, als die Antwort lautete: "Für mich." Sie erzählte mir von ihrem Stress in der Agentur und dann fiel der Satz: "Sie wirken gar nicht so."

Mittwoch, 27. Juni 2012

Perfektion ist der Feind der Inklusion und Barrierefreiheit ist kein Flaschengeist - Perfection is the enemy of the inclusion and Accessibility is not genie in a bottle

Nach meiner gestrigen Absage heute mal ein paar Gedanken zur Perfektion:

Perfektion ist nicht nur der Feind des Guten, sondern auch der Inklusion. Für mich ist der Kern der Inklusion das Aufeinanderzugehen, das Miteinander, das gemeinsame Finden individueller Lösungen.

Gerade lese ich, dass die nächste Sendung von "Selbstbestimmt" den Titel "Das Unmögliche denken" tragen wird. Klar, ist es toll, wenn Rollstuhlfahrer Segelfliegen können oder Amputierte modeln, aber haben wir auch den Blick für das Einbezogensein, das Inklusive in den alltäglichen Dingen? Der Bäcker, der eine Rampe ohne Stufe anbaut, der Friseur, der eine Sitzerhöhung bereit hält, die Verpackungen von Medikamenten, die mit Braille-Schrift versehen sind, oder der Gebärdensprachkurs, der in der Volkshochschule angeboten wird.
Meine Befürchtung ist, dass Inklusion eine Vision bleibt, weil wir damit verbinden, dass immer für alle und jeden und alles perfekt sein muss. Ist Inklusion wirklich erst dann erreicht? Kann wirklich immer alles für jeden perfekt sein? 

Beispiel Schule: Klar, wäre es schön, wenn alle Schulen für alle Schüler barrierefrei wären. Aber leider bin ich nicht die bezaubernde Jeannie und Barrierefreiheit ist kein Flaschengeist.



Die Frage stellt sich für mich: Ist eine Schule erst dann inklusiv, wenn sie für jeden perfekt ist? Oder ist eher der Weg das Ziel - kleine Schritte, gemeinsame, kreative Lösungen: das gemeinsame Sportfest, die gemeinsame Exkursion, der barrierefreie Hort, auch wenn die Schule noch nicht barrierefrei ist. 

Oder im Erwerbsleben: Kann in der barrierefreien Büroetage ein Mitarbeiter mit Handicap arbeiten, auch wenn der gesamte Betrieb noch nicht barrierefrei ist? Oder bekommt das Restaurant, das zwar stufenlos erreichbar, aber ohne Toilette ist, das Siegel "zugänglich"?

Nutzen wir all die Möglichkeiten auf dem Weg zur Inklusion? Im Erwerbsleben fallen mir da Arbeitsplatzausstattung, EingliederungszuschussMinderleistungsausgleich und Arbeitsassistenz ein.

Manchmal wirkt es auf  mich, als ob das große Wort Inklusion oder Barrierefreiheit Angst macht und wir erstarren und deshalb lieber gar nichts wagen.

Doch etwas wagen, riskieren, Fehler machen, verändern - das ist Leben. Es gibt in der Rechtsprechung den Begriff des "leidensgerechten Arbeitsplatzes" - ich möchte lieber einen, der meinem Leben gerecht wird: ein Leben mit Kompromissen, mit Umwegen, mit Lösungen. Miteinander.


Dienstag, 26. Juni 2012

Schubladen und Skifahren - Drawers and Skiing

Heute wieder ein neuer Zwischenstand zu meiner Jobsuche:

Als ich vor kurzem eine Informationsveranstaltung für die pädagogische Arbeit in Betreuten Wohngruppen besuchen wollte, erkundigte ich mich beim Träger vorher, ob überhaupt eine der Wohngruppen rollstuhlzugänglich ist - nein, keine.

Obwohl ich nun jeden Tag mit der Herausforderung einer nicht barrierefreien Umwelt lebe, bin ich doch manchmal über das Schubladendenken überrascht, das hinter dem Barrierenbauen steckt: Jugendliche mit Körperbehinderungen können nicht gleichzeitig sozial auffällig sein, denn dafür haben wir keine Wohngruppen.

Ein anderes Beispiel für Schubladendenken: Eine Frau im Rollstuhl ist nicht von Gewalt betroffen. Was glauben Sie, liebe Leserinnen und Leser, wie viele Plätze in Frauenhäusern in Berlin rollstuhlgeeignet sind?

Einer.

Der gleiche Träger, über den ich eben berichtete, hatte nun eine Stelle für eine Ganztagsbetreuung in einer Schule ausgeschrieben, in der Vielfalt Programm ist: Gemeinschaftsschule, d.h. 6 der 10 Schuljahre verbringen die Schüler gemeinsam, angestrebt werden 10 und (wenn möglich) 13. 50 % der Schüler haben eine andere als die deutsche Staatsbürgerschaft, 88 % sprechen nicht Deutsch als Muttersprache, es gibt Kinder mit Schwierigkeiten beim Lernen oder/und im sozialen Bereich.
Quartiershalle, Elternzentrum, Ganztagsbetreuung für die Grundstufe bis 18 Uhr möglich, Schulstation, Streitschlichterprojekte, Stipendien, jahrgangsübergreifendes Lernen, individuelle Lernzeiten, Zusammenarbeit mit Musikschule, Kinder- und Jugendgesundheitsdienst, Polizei - hier entsteht seit einem Brandbrief von engagierten Lehrern 2006 ein ganzer Campus für Bildung und Zusammenleben!

Also dachte ich mir, "Das ist der richtige Ort zum Bewerben und ein Projekt, an dem ich gern mitarbeiten würde!"

Ich wurde zum Bewerbungsgespräch in die Grundstufe im Ganztagsbetrieb eingeladen und hatte gestern einen Probearbeits- und Hospitationstag.

Noch gibt es zwar keine definitive Zusage, aber es fühlt sich gut an: aufgeschlossene KollegInnen und neugierige Kinder. Dennoch (noch) keine Rampe an der Eingangsstufe, die anderen Gebäude sind nur über Treppen zugänglich. "Wir haben bisher wenig Erfahrung mit Rollstuhlfahrern, aber wir werden es versuchen."

Für die Kinder ist es kein Problem: "Du kannst nicht laufen - ich kann auch nicht Ski fahren!"

Update: Absage. "Es ist uns im Moment eine Baustelle zuviel, aber wir würden Ihre Bewerbung gern da behalten, weil wir uns schon vorstellen könnten, in der Zukunft mit Ihnen zusammenzuarbeiten."

Donnerstag, 21. Juni 2012

Gesucht: Brückenbauer und Wegegeher

Hier ein kurzer Zwischenstand zu meiner derzeitigen Jobsuche.

1. Es lohnt sich, Einladungen von Nachbarn anzunehmen. Ein hilfsbereiter Nachbar, den ich auf einer Geburtstagsparty getroffen habe, hat von meiner Jobsuche erfahren und mir noch am gleichen Tag eine Adresse einer Personaldienstleistungsfirma gegeben. Heute bekam ich eine E-Mail von einer Mitarbeiterin der Personaldienstleitungsfirma, dass in ihrem Stellenpool keine Stellen in meiner Branche zu vergeben wären, sie aber meine Bewerbung gern an ihren Mann weiterleiten würde, der Projektleiter bei einem Berliner Bildungsträger ist.

2. Es lohnt, persönlich vorbei zu schauen. Aus dem Personalbüro eines großen Trägers verschiedener sozialer Dienstleistungen erhielt ich die Rückmeldung, dass sich ein Link in meiner Bewerbungsmail nicht öffnen ließe. Zuhause funktionierte alles. Also fuhr ich persönlich hin und klärte das Missverständnis. Das hatte nicht nur zur Folge, dass der Link zu meinen Unterlagen führte, sondern auch, dass die Personalchefin jetzt einen persönlichen Eindruck von mir hat.

Das ist umso wichtiger, weil die meisten Menschen in Deutschland kaum persönliche Kontakte zu Menschen mit Behinderungen haben und sich deshalb auch schwer vorstellen können, wie sie einen Beruf ausüben.

Noch mehr Gründe für Barrierefreiheit: - mehr Zusammenleben, mehr Zusammenarbeiten, weniger Befürchtungen, mehr Ideen. Und in meinem konkreten Fall: wenn es in Deutschland Vorschrift wäre, dass alle Bildungseinrichtungen rollstuhlzugänglich sein müssen, hätte ich mehr Auswahl an Arbeitsplätzen (und die Agentur für Arbeit weniger Ausgaben an Arbeitslosengeld).

Vor zwei Tagen bekam ich einen Anruf der Personalchefin, dass sie im Moment nur Stellen für die Arbeit mit Kleinkindern zu vergeben hätte, aber der Träger plane, direkt an die Kindertagesstätte ein Familienzentrum zur Begegnung und Beratung anzuschließen. Und sie hätte sich überlegt, dass eine solche Tätigkeit besser passen würde, auch aufgrund meiner Erfahrung in Projektarbeit. Schließlich fragte sie mich, ob ich dafür Interesse hätte und in der Planungsphase für erste Gespräche zur Verfügung stünde. - Das tue ich selbstverständlich!



Was ich mit dieser Geschichte zeigen will - Arbeitsvermittlung (nicht nur mit Handicap) braucht persönliches Kennenlernen, Ideen und Menschen, die über den Tellerrand schauen und bereit sind, Brücken zu bauen und verschiedene Möglichkeiten zu denken.

Nicht nur deshalb steht in meinem Profil:

Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Kafka


Freitag, 15. Juni 2012

Aus dem Leben einer Sozialarbeiterin: Polizei, Tattooverbrennungen und MRT

Mir fehlt meine Arbeit mit den Auszubildenden, und gerade die mit denen, die schon in frühen  Lebensjahren auf die schiefe Bahn geraten sind.

Ein Auszubildender - nennen wir ihn mal Kevin (Vorsicht, Vorurteil ;), war in der Berufsschule ausgerastet und hatte eine Tür eingetreten.

Anzeige, Polizei, Coachings und dann die Vernehmung: er bat mich, ihn zu begleiten. Und dann geschah  folgendes: das Zimmer, in dem die Vernehmung stattfinden sollte, war nur über Stufen zu erreichen. Also ging Kevin los und suchte sich einen Polizeibeamten, der beim Tragen helfen sollte.

Denn durch den fast täglichen Umgang mit mir war er es gewöhnt, mit anzupacken und zu helfen, wenn eine Barriere im Weg war. Das war die andere Seite von Kevin - hilfsbereit, zupackend.

Der Polizeibeamte wusste nicht, wie ihm geschah und so trugen mich die beiden im Rollstuhl ein paar Stufen nach oben.



Dem Beamten war die bauliche Barriere sichtlich peinlich und um die Situation zu entkrampfen, sagte ich: "Wahrscheinlich treten nicht so viele Rollstuhlfahrer Türen ein?!"

Ein paar Monate später war Kevin (wieder) in einen Streit geraten und hatte sich dabei den Fuß verletzt (ohne eine Tür einzutreten) und er sollte zur Diagnostik ein Magnetresonanztomogramm machen lassen.

  • "Das geht nicht, Frau Pohl", sagte er aufgeregt zu mir.
  • "Wieso nicht? Das tut doch nicht weh."
  • "Weil ich Verbrennungen davon bekomme."
  • "Vom MRT?!?"
  • "Naja... ich hab mich tätowieren lassen" (dabei zeigte er mir seinen Unterschenkel)
  • "Ich verstehe nicht."
  • "Ich hab gehört, dass die Tätowierungen in der Röhre verbrennen."


Er hatte zum Teil Recht. Tatsächlich war es in der Vergangenheit so, dass metallhaltige Tattoofarben während eines MRT zu Schmerzen und auch Verbrennungen führen konnten. Diese werden aber heute in Europa nicht mehr verwendet, fand ich heraus. Und wenn er sich das Tattoo nicht hat in Thailand stechen lassen, dann würde auch keine Gefahr im MRT bestehen, beruhigte ich ihn.

Und die Geschichte mit den sterilisierten Männern erzähle ich beim nächsten Mal... vielleicht.


Sonntag, 10. Juni 2012

In eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser,

wie Sie schon mitbekommen haben, schlägt mein Herz für Inklusion:


I wie interessiert an Lebenswelten
N wie neugierig auf Menschen
K wie kompetent
L wie lebensklug
U wie unabhängig
S wie selbstständig
I wie intelligent
O wie originell
N wie nah am Menschen


Deshalb geht heute mal ein Aufruf in eigener Sache an die Netzwelt:

Ich werde ab dem 01. Juli 2012 wieder auf der Suche sein nach
  • einer interessanten Tätigkeit im sozialen, sozialrechtlichen, sozialpolitischen und / oder pädagogischen Bereich:  mit Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, mit Kindern, Jugendlichen, Auszubildenden, Bürgerinnen und Bürgern, Hochbegabten oder Hochbetagten
  • in Kita, Schule, Berufsschule, Krankenhaus, Seniorenheim, Nachbarschaftszentrum, Beratungsstelle, Amt oder Rathaus
Wenn Sie, liebe Arbeitgeber, Projektverantwortliche, Quartiers- und Fallmanager, Bildungsträger oder Politiker und Politikerinnen,
eine engagierte  Mitarbeiterin mit Er-Kenntnissen und Erfahrung, mit der Lust am Gestalten und der Lust auf Verantwortung suchen - dann könnte ich die Richtige sein!

Wenn Sie mehr erfahren möchten - hier geht es zum Lebenslauf oder .

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung oder Mail!

Freitag, 8. Juni 2012

Wasser ist Leben - und Wasserwerke ...


... (und andere) machen mir im Moment das Leben schwer.

Doch von Anfang an:

Seit Wochen wird in meiner Straße gebaut: neue Wasserleitungen, neue Pflaster für den Bürgersteig. Im Zuge der Sanierung musste ich umparken und mein Parkplatzschild musste vorübergehend umgesetzt werden, damit die Handwerker Zugang zum Wasserhahn hatten, darüber hatte schon berichtet.

Jetzt scheinen die Bauarbeiten abgeschlossen zu sein und mein Parkplatzschild steht immer noch auf diesem Provisorium:




Ein Anruf bei den Wasserwerken ergab, dass sie für das Provisorium nicht verantwortlich wären. Die Straßenverkehrsbehörde, die für das Genehmigen und Aufstellen solcher Schilder zuständig ist, verweist mich an den Verursacher, der den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen hätte. Den kenne ich aber nicht... Fortsetzung folgt.

Und noch eine Anekdote zum Thema Parkplatz: Diese Sonderparkgenehmigung (und auch andere Nachteilsausgleiche) beruhen auf dem Vorhandensein bestimmter Merkzeichen im (befristeteten) Schwerbehindertenausweis. Dieser wurde im Mai 2012 erneut ausgestellt und verlängert, gültig bis April 2012! 

Keine Sonderparkgenehmigung oder Steuerermäßigung ohne gültigen Ausweis, d. h. solange der korrigierte Ausweis nicht da ist, muss(te) ich bei jeder Behörde von Angesicht zu Angesicht "glaubhaft" (O-Ton) machen, dass ich rechtmäßige Besitzerin eines Schwerbehindertenausweiseses bin und die Befristung bis zum abgelaufenen Monat ein Fehler ist, der korrigiert wird.

Gestern nun ein Brief vom Amt: Die Befristung wird aufgehoben. Der Ausweis gilt unbefristet. Sie bitten, das Versehen zu entschuldigen.

Mache ich doch glatt.

Dienstag, 5. Juni 2012

Wie im richtigen Leben... Like in Real Life




In 1997, Mattel produced a wheelchair-using Barbie doll called Becky. The original could not fit through the Barbie Dream House front door, and her hair was so long it got caught in the wheelchairs wheels. Mattel adjusted Becky, making her wheelchair smaller and her hair shorter. The new and improved Barbie was in high demand and flew off the shelves in less than two weeks.Despite the reworked Becky Barbie doll, she could not fit into the Dream House’s elevator….how ironic…housing for people with disabilities that is not accessible.Mattell stated in the future they intended on making changes to the Barbie house designs, but instead they later rejected the doll and discontinued Becky along with wheelchair-racing Paralympic Becky.

Und wo ist eigentlich (ein) Ken? ;)

Samstag, 2. Juni 2012

Verstand und verstehen wollen

Kürzlich habe ich im Blog von Marco Zehe einen Beitrag über unterschiedliche Meinungen innerhalb von Minderheiten und den Umgang damit gelesen.

Mein Freizeittipp für heute
Ich kenne das auch und es macht mich jedes Mal wieder wütend, traurig und sprachlos, wenn Menschen einzig für sich in Anspruch nehmen, die einzig richtige Definition von Barrierefreiheit oder Diskriminierung zu vertreten und Menschen, die eine abweichende Meinung vertreten, in die Ecke stellen und herabsetzen.


Verständnis kommt nicht von Verstand,
sondern von verstehen wollen. 

Ein Beispiel: Martin Zierold (der erste gehörlose Abgeordnete Deutschlands): für ihn hat das Wort gehörlos eine zu defizitäre Bedeutung und er verwendet lieber das Attribut "taub". Für mich als Gelähmte wiederum ist taub kein positives Wort, weil für mich taub bedeutet - gefühllos, kein Schmerz, kein Wohlgefühl, keine Wärme, kein Kälteempfinden (wie zwei meiner 4 Gliedmaßen). Wir beide kennen unsere unterschiedlichen Ansichten, können das tolerieren und respektieren und arbeiten im Beirat von und für Menschen mit Behinderung zusammen: für  weniger Barrieren, für weniger Ausgrenzung und mehr Teilhabe.


Ich will mit Menschen sprechen, ihnen zuhören, ihre Welt kennenlernen und ich kann ihnen auch dann Wertschätzung entgegenbringen, wenn sie zwar zur gleichen Gruppe von Benachteiligten gehören, aber nicht in allem meiner Meinung sind.

Deshalb schreibe ich über meinen Alltag: über Kabelbrücken, Drachenbootrennen, Parkplätze, Anamnesebögen und Winterdienste, denn


An jedem Punkt öffnet das Verstehen eine Welt...

Wilhelm Dilthey

dt. Kulturhistoriker u. Philosoph, 1833 - 1911